Val McDermid
„Er war im Morgengrauen immer gern auf dem Friedhof gewesen.“ Was für ein grandioser Satz um einen Krimi beginnen zu lassen. Welches ist der erste Satz, der Sie in der Literatur am meisten beeindruckt hat?
Val McDermid: Ich möchte meine Leser mit dem ersten Satz fesseln. Ich erinnere mich auch sehr gut an Sätze, die genau das tun. Der Einleitungssatz sollte den Leser völlig überraschen und eine ungefähre Vorstellung davon geben, was den Leser erwartet. Zu meinen liebsten Sätzen zählt eindeutig: „Ich hatte die Geschichte Stück für Stück von verschiedenen Menschen gehört und es war, wie in solchen Fällen üblich, jedes Mal eine andere Geschichte.“ aus Edith Whartons „Ethan Frome“. Von Anfang an weiß man, das wird eine sehr spannende Geschichte.
Ihre Handlungen spielen oft in der Vergangenheit und viele Taten werden erst Jahrzehnte später aufgeklärt. Was machte diese lange Zeitspanne für Sie als Schriftstellerin so attraktiv?
Val McDermid: Aufgrund der riesigen Fortschritte in der forensischen Medizin wird es immer schwieriger Krimis zu schreiben, die in der Gegenwart spielen. Es ist schwer, einer Technologie zu entgehen, die häufig so kompliziert ist, dass sie völlig von den Charakteren und der Geschichte ablenkt. Verständlich, dass sie deswegen nur wenig Anziehungskraft auf Schriftsteller ausübt, die sich wie ich mehr für die Story an sich interessieren. Dadurch, dass ich einen Teil des Romans in der Vergangenheit spielen lasse, konnte ich einen anderen Schwerpunkt setzen. Außerdem kann ich so zeigen, was mit Menschen passiert, die in ein Verbrechen verwickelt werden. Die Vergangenheit wirft einen langen Schatten und es ist einfach faszinierend, ein Bild der verschiedenen Charaktere und ihrer Beeinträchtigungen durch vergangene Ereignisse zu zeichnen.
Wovor haben Sie sich als Kind am meisten gegruselt?
Val McDermid: Ich kann mich nicht erinnern, vor irgendetwas besondere Angst gehabt zu haben. Natürlich gab es Situationen in denen ich mich mal mehr und mal weniger gefürchtet habe. Aber ich hatte keine Phobien wie andere vor Spinnen oder der Dunkelheit. Heute bin ich da empfindlicher. Ich bin beispielweise sehr zimperlich, wenn es um Blut oder Eingeweide geht und ich habe eine Heidenangst vor Spritzen.
Was ist für Sie das „perfekte Verbrechen“?
Val McDermid: Das perfekte Verbrechen ist das, das nie als solches identifiziert wird. Der Mord, der wie ein Unfall aussieht, das gefälschte Gemälde, das als Original durchgeht...
Sind Sie schon einmal Opfer eines Verbrechens geworden?
Val McDermid: Nur das Übliche – Einbruch, Autodiebstahl oder ein aufgebrochenes Auto. Unerfreulich, doch eindeutig nichts, weswegen man schlaflose Nächte hat, da es sich nur um materielle Dinge handelt.
Welche Bücher lesen Sie privat am Liebsten?
Val McDermid: Ich lese Belletristik. Mein einziger Anspruch ist, dass die Bücher gut geschrieben sind.
Ihre Bücher werden ins Deutsche, Französische, Holländische, Schwedische, Norwegische, Dänische, Finnische, Japanische, Hebräische, Kroatische, Tschechische und Bulgarische übersetzt. In welchem Land hatten Sie das außergewöhnlichste Erlebnis auf einer Lesereise?
Val McDermid: Ich glaube die seltsamste Begegnung hatte ich in Russland. Um halb zehn morgens traf ich mich mit dem Moskauer Polizeichef. Wir unterhielten uns über die Kriminalität in unseren jeweiligen Heimatländern und ich war schon auf dem Weg zu meiner Lesung, als er mich fragte, ob ich tatsächlich Schottin sei. Ich bestätigte dies und das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass er uns beiden zwei gigantische Wassergläser mit Scotch eingeschenkt hat. Natürlich musste ich mich den dortigen Bräuchen anpassen und meinen Drink „auf Ex“ hinunterstürzen... Überflüssig zu sagen, dass ich mich an die anschließende Lesung nur noch sehr wage erinnere.
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