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Cover
VERLAG
Knaur Tb
ORIGINALTITEL
Beneath the Bleeding
SEITENZAHL
544
AUSSTATTUNG
Taschenbuch
PREIS
EUR (D) 8,95
ISBN
3-426-50072-8
ISBN-13
978-3-426-50072-9
ERSCHEINUNGSTERMIN
11.12.2008

Dieses Buch ist lieferbar.

 

Leseprobe




Val McDermid

Schleichendes Gift

Thriller

Aus dem Englischen von

Doris Styron

Für alle, die auf der Hochzeit waren

und halfen, sie zu einer der

wunderbarsten Erinnerungen zu machen.

Wir fühlen, wie unter der blutenden Hand

Der Heilkunst scharfes Mitleid bannt,

Des Fiebers Rätsel lösend, alle Qual.

T. S. Eliot, »East Coker«

aus: Vier Quartette

9

Freitag

Die Mondphasen haben eine unerklärliche, aber unbestreitbare

Wirkung auf Geisteskranke. Alle Pfleger

psychiatrischer Anstalten bestätigen das. Es gilt unter ihnen

als allgemein anerkannte Wahrheit. Bei Vollmond macht keiner

freiwillig Überstunden. Es sei denn, er wäre in einer absolut

verzweifelten Lage. Auch Verhaltensforschern verursacht

diese Wahrheit Unbehagen, denn es geht hier nicht um

etwas, das sich einer unglücklichen Kindheit oder der Unfähigkeit

zu sozialem Verhalten zuschreiben ließe. Es ist ein

von außen einwirkender Rhythmus, der sich durch keinerlei

Behandlung überwinden lässt. Diese Kraft lässt die Fluten

steigen und reißt die Irren aus ihren gestörten Bahnen.

Die innere Dynamik des Bradfield Moor Secure Hospital

unterlag dem Sog des Vollmonds genauso, wie sein Name

vermuten ließ. Manche der dort Beschäftigten waren der

Meinung, dass Bradfield Moor ein Aufbewahrungsort für

jene Geisteskranken sei, die zu gefährlich waren, um frei herumzulaufen.

Andere sahen darin einen Zufluchtsort für Wesen,

die für das erbarmungslose Chaos des Lebens draußen

zu zerbrechlich sind. Und für den Rest war es ein vorübergehender

Unterschlupf, der die Hoffnung bot, in eine nicht

allzu streng definierte Normalität zurückkehren zu können.

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Die dritte Gruppe war, was kaum überraschen wird, in der

Minderzahl und wurde von den beiden anderen zutiefst verachtet.

In jener Nacht war nicht nur Vollmond, sondern auch eine

partielle Mondfinsternis. Als die Erde zwischen ihrem Satelliten

und der Sonne vorbeizog, nahmen die fahlen Schatten

der Mondoberfläche nach einem kränklichen Gelb- allmählich

einen dunklen Orangeton an. Für die meisten Beobachter

besaß die Mondfinsternis eine geheimnisvolle Schönheit

und rief Staunen und Bewunderung hervor. Lloyd Allen hingegen,

einer der Patienten des Bradfield Moor Hospital, die

sich relativ frei bewegen konnten, sah darin den schlüssigen

Beweis für seine Überzeugung, dass die letzten Tage der

Menschheit bevorstanden und es seine Pflicht sei, so viele

Menschen wie möglich vor ihren Schöpfer treten zu lassen.

Man hatte ihn in die Anstalt gesperrt, bevor er sein Ziel erreichen

konnte, möglichst viel Blut zu vergießen, damit bei der

unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi die Seelen

leichter gen Himmel aufsteigen konnten. Da er an der Ausführung

seiner Mission gehindert worden war, brannte diese

nun umso stärker in ihm.

Lloyd Allen war nicht dumm, was die Arbeit seiner Bewacher

umso schwieriger machte. Die Pfleger in der Psychiatrie

waren mit unbedarften Täuschungsmanövern vertraut und

konnten sie relativ leicht durchkreuzen. Viel schwieriger war

es, die Pläne derer vorauszusehen, die verrückt, aber intelligent

agierten. In letzter Zeit hatte Allen eine Methode entwickelt,

die ihm erlaubte, seine Medikamente nicht mehr einnehmen

zu müssen. Die erfahrenen Pfleger kannten solche

Tricks und wussten, wie man sie abwenden konnte, aber

Neulingen wie Khalid Khan fehlte noch die nötige Gewieftheit.

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Allen hatte es am Abend vor der Vollmondnacht geschafft,

zweimal der Chemiekeule zu entgehen, die Khan ihm verabreicht

zu haben glaubte. Als die Verfinsterung sichtbar wurde,

tönte in Allens Kopf ein leise trommelnder, ständig wiederkehrender

Satz. »Bring sie zu mir, bring sie zu mir, bring

sie zu mir«, dröhnte es ohne Unterlass in seinem Inneren.

Von seinem Zimmer aus konnte er ein Stück des Mondes sehen,

auf dessen Gesicht sich die prophezeite blutige Flut ausbreitete.

Die Zeit war gekommen. Die Zeit war tatsächlich

gekommen. Aufgeregt ballte er die Fäuste, stieß wie ein verrückter

Boxer vor einem Angriff die Unterarme alle zwei

Sekunden ruckartig nach oben und ging dann wieder in

Deckung.

Er drehte sich um und stolperte ungeschickt auf die Tür zu.

Er musste hinaus, um seine Mission zu erfüllen. Der Pfleger

würde bald mit den Medikamenten für die Nacht da sein.

Dann würde ihm Gott die Kraft geben, die er brauchte. Gott

würde ihn hinausführen, Gott würde ihm den Weg zeigen.

Gott wusste, was er tun musste. Er würde sie zu Ihm bringen.

Die Zeit war reif, der Mond verströmte Blut. Die Zeichen

mehrten sich, und er musste seine Aufgabe vollenden.

Er war erwählt, er war der Weg zur Rettung der Sünder. Er

würde sie zu Gott bringen.

Der Lichtkegel erhellte ein kleines Stück der Schreibfläche

auf einem schäbigen Kliniktisch. Eine Akte lag offen da, und

eine Hand mit einem Kugelschreiber schwebte über dem

Rand der Seite. Im Hintergrund erklang klagend Mobys

Song »Spiders«. Die CD war Dr. Tony Hill geschenkt worden,

er hätte sie sich niemals selbst gekauft. Aber irgendwie

war sie zum festen Bestandteil seines Arbeitsrituals am späten

Abend geworden.

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Tony rieb sich die brennenden Augen und vergaß dabei, an

seine neue Lesebrille zu denken. »Autsch«, jammerte er, als

das Gestell sich in seinen Nasenrücken drückte. Mit dem

kleinen Finger erwischte er das Glas der randlosen Brille,

und sie flog aus seinem Gesicht direkt auf die Akte, die er

gerade las. Er konnte sich den nachsichtig amüsierten Blick

von Detective Chief Inspector Carol Jordan vorstellen, die

ihm die Moby-CD geschenkt hatte. Seine Zerstreutheit und

Ungeschicklichkeit waren schon lange Gegenstand ständiger

Witze zwischen ihnen.

Aber über eine Tatsache konnte sie sich weder lustig noch

ihm daraus einen Vorwurf machen: dass er freitagabends

noch um halb neun an seinem Schreibtisch saß. Ihr Widerstreben,

das Büro zu verlassen, bevor auch wirklich alles erledigt

war, war mindestens genauso stark wie seines. Wäre sie

hier gewesen, hätte sie verstanden, wieso er geblieben war

und noch einmal den Bericht durchging, den er so akribisch

für die Haftentlassungskommission vorbereitet hatte. Einen

Bericht, den man dort munter ignoriert hatte, als man die

Entscheidung traf, Bernard Sharples der Bewährungshilfe zu

übergeben. Sein Anwalt hatte die Kommission überzeugt,

dass er keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit darstelle.

Ein vorbildlicher Häftling, der mit den Behörden bei allem,

was von ihm verlangt wurde, zusammengearbeitet und geradezu

ein Musterbeispiel für Reue geboten hatte.

Na ja, dachte Tony bitter, natürlich war Sharples ein vorbildlicher

Gefangener gewesen. Es war leicht, gutes Benehmen

zu zeigen, wenn die Objekte der Begierde so unerreichbar

waren, dass sich selbst der besessenste Phantast nur schwer

etwas ausdenken konnte, was auch nur im Entferntesten einer

Versuchung glich. Sharples würde rückfällig werden, er

spürte es in seinen Knochen. Und teilweise würde es seine

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Schuld sein, weil er seine Sicht der Dinge nicht überzeugend

genug hatte darlegen können.

Er setzte die Brille wieder auf und markierte zwei Absätze

mit seinem Stift. Er hätte seine Argumente entschiedener

vertreten können und sollen, ohne Lücken, die der Verteidigung

Angriffspunkte liefern konnten. Er hätte als Tatsache

geltend machen müssen, was nach seiner jahrelangen Erfahrung

mit Serientätern doch nur auf Mutmaßungen gründete;

dazu kam dann noch sein Instinkt, der sich bei den Gesprächen

mit Sharples auf das stützte, was sich zwischen den

Zeilen lesen ließ. Doch in der schwarzweißen Welt des Bewährungsausschusses

gab es keine Grautöne. Tony schien

immer noch nicht gelernt zu haben, dass Aufrichtigkeit selten

die beste Vorgehensweise war, wenn man es mit der Strafjustiz

zu tun hatte.

Er zog ein Blöckchen mit Klebezetteln heran, aber bevor er

etwas daraufkritzeln konnte, drang von draußen Lärm in

sein Büro.

Normalerweise ließ er sich von den verschiedenen Hintergrundgeräuschen

nicht stören, die zum Leben im Bradfield

Moor Hospital dazugehörten. Der Lärmschutz war erstaunlich

wirksam, und außerdem spielten sich die schlimmsten

Szenen von Qual und Pein meistens weit entfernt von den

Büros ab, wo Akademiker mit einem gewissen Ansehen arbeiteten.

Mehr Lärm. Es klang wie ein Fußballspiel oder eine gewalttätige

Demonstration und war jedenfalls so geräuschvoll,

dass es unvernünftig gewesen wäre, es zu ignorieren. Seufzend

stand Tony auf, ließ die Brille auf den Schreibtisch fallen

und ging zur Tür.

Alles andere war besser als das hier.

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Nicht viele Menschen hätten eine Stelle am Bradfield Moor

Hospital wohl als die Erfüllung eines Traums betrachtet.

Aber für Jerzy Golabeck war sie mehr, als er sich nach seiner

Kindheit und Jugend in Plotzk jemals erträumt hätte. Seit die

polnischen Könige sich 1138 aus dem Staub gemacht hatten,

war in Plotzk nicht mehr viel passiert. Arbeitsplätze waren

heutzutage nur in den Erdölraffinerien zu haben, wo die

Löhne erbärmlich und Berufskrankheiten alltäglich waren.

Jerzys enger Horizont hatte sich durch Polens Beitritt zur

Europäischen Gemeinschaft mit einem Schlag überwältigend

erweitert. Er hatte als einer der ersten mit einem Billigflug

von Krakau nach Leeds/Bradford Airport auch die Aussicht

auf ein neues Leben gebucht. Aus seiner Perspektive kam

sein Mindestlohn einer Riesensumme gleich. Und mit den

Insassen des Bradfield Moor Hospital zu arbeiten war nicht

so viel anders, als sich mit einem senilen Großvater abzugeben,

der Lech Walesa immer noch für den Mann der Zukunft

hielt.

So hatte Jerzy also der Wahrheit ein wenig nachgeholfen und

sich etwas Erfahrung im Umgang mit psychisch Kranken zusammengebastelt,

die wenig Ähnlichkeit mit seiner tatsächlichen

Vergangenheit am Fließband einer Essiggurkenfabrik

hatte.

Bis jetzt war das kein Problem gewesen. Die Pfleger und

Helfer waren mehr damit beschäftigt, die Patienten in Schach

zu halten als sie zu therapieren. Sie verabreichten Medikamente

und beseitigten Schmutz und Unordnung. Alle Versuche

einer Heilung oder Linderung blieben den Ärzten,

Psychiatern, Therapeuten verschiedener Schulen und klinischen

Psychologen überlassen. Es schien, dass niemand viel

mehr von Jerzy erwartete, als dass er pünktlich zur Arbeit

erschien und sich nicht vor körperlich unangenehmen Anstrengungen drückte, die in jeder Schicht vorkamen. Das alles konnte er mühelos bewältigen.

Nebenbei hatte er einen genauen Blick für das entwickelt,

was sich um ihn herum abspielte, und niemanden überraschte

das mehr als ihn selbst. Aber es war unbestreitbar, dass Jerzy

instinktiv erkannte, wenn Patienten die Ausgeglichenheit abhanden

kam, die das Funktionieren des Bradfield Moor Hospital

überhaupt möglich machte. Er war einer der wenigen

Angestellten der Anstalt, die jemals bemerkt hatten, dass

etwas mit Lloyd Allen nicht stimmte. Das Problem war nur,

dass er sich inzwischen schon zutraute, selbst mit der Sache

fertig zu werden. Er war nicht der erste Vierundzwanzigjährige,

der eine übertriebene Vorstellung von seinen Fähigkeiten

hatte. Allerdings einer der wenigen, die wegen dieses

Irrtums zu Tode kamen.

Sobald er Lloyd Allens Zimmer betreten hatte, sträubten sich

die Haare auf seinen Armen. Allen stand, die breiten Schultern

verkrampft, mitten in dem engen Raum. Die schnellen

Bewegungen seiner Augen verrieten Jerzy, dass die Medikamente

entweder auf spektakuläre Weise plötzlich ihre Wirkung

verloren hatten oder dass es Allen irgendwie gelungen

war, sie gar nicht einzunehmen. Jedenfalls schien er sich nur

auf die Stimmen in seinem Kopf zu konzentrieren. »Zeit für

deine Pillen, Lloyd«, sagte Jerzy betont beiläufig.

»Kann ich nicht.« Allens Stimme klang wie ein angespanntes

Ächzen.

Er wippte leicht auf den Fußballen und rieb sich die Hände

wie beim Waschen. Die Muskeln seiner Unterarme zitterten

und zuckten.

»Du weißt doch, dass du sie brauchst.«

Allen schüttelte den Kopf.

Jerzy tat dasselbe. »Wenn du deine Pillen nicht nimmst, muss

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ich es melden. Dann wird es schwierig für dich, Lloyd. Das

wollen wir doch nicht, oder?«

Allen stürzte sich auf Jerzy und erwischte ihn mit dem rechten

Ellbogen unterhalb des Brustbeins, so dass dem Pfleger

die Luft wegblieb. Als Jerzy sich vorwärtsbeugte, würgte

und nach Luft schnappte, stürmte Allen an ihm vorbei und

stieß ihn auf dem Weg zur Tür zu Boden. An der Tür blieb

Allen plötzlich stehen und drehte sich um.

Jerzy bemühte sich, klein und ungefährlich auszusehen, aber

Allen kam trotzdem zurück zu ihn. Er hob den Fuß und trat

Jerzy so fest in den Magen, dass die Luft aus dessen Lunge

entwich und ihm vor tobendem Schmerz schwindlig wurde.

Während Jerzy sich den Leib hielt, griff Allen ruhig nach

unten und riss die Schlüsselkarte von seinem Gürtel. »Ich

muss sie zu Ihm bringen«, knurrte er und ging wieder auf die

Tür zu.

Jerzy konnte ein schreckliches, krampfhaftes Ächzen nicht

unterdrücken, als sein Körper nach Sauerstoff rang. Aber

sein Gehirn funktionierte einwandfrei. Er wusste, dass er es

zum Alarmknopf im Flur schaffen musste. Allen konnte sich

mit Jerzys Schlüssel fast überall im Haus Zutritt verschaffen.

Er konnte die Zimmer der anderen Insassen öffnen. Es würde

nicht lange dauern, so viele seiner Genossen zu befreien,

bis sie dem Personal zu dieser Zeit des Abenddienstes zahlenmäßig

deutlich überlegen sein würden.

Hustend, keuchend und mit Spucke am Kinn zwang sich

Jerzy auf die Knie und rutschte näher zum Bett. Er klammerte

sich am Rahmen fest, und es gelang ihm, sich auf die

Füße hochzuziehen. Die Hände auf den Bauch gepresst, stolperte

er in den Flur hinaus. Weiter vorn sah er Allen, der die

Schlüsselkarte durch das Lesegerät an der Tür zu führen versuchte,

von wo er in den Hauptteil des Gebäudes gelangen

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würde. Man musste die Karte mit der genau richtigen Geschwindigkeit

durchziehen. Jerzy wusste das, Allen aber

Gott sei Dank nicht. Er schlug auf das Lesegerät ein und versuchte

es noch einmal. Schwankend versuchte Jerzy, so leise

wie möglich an den Alarmknopf heranzukommen.

Aber er war nicht leise genug. Irgendetwas machte Allen aufmerksam,

und er fuhr herum. »Bring sie zu Ihm«, brüllte er

und rannte los. Sein Gewicht allein genügte, um Jerzys geschwächten

Körper wieder auf den Boden zu werfen. Jerzy

bedeckte den Kopf mit den Armen, aber das half nichts. Das

Letzte, was er spürte, war ein furchtbarer Druck hinter den

Augen, als Allen ihm mit voller Wucht auf den Kopf trat.

Als Tony die Tür öffnete, brandete ihm das Getöse in voller

Lautstärke entgegen. Rufe, Flüche und Schreie drangen

durchs Treppenhaus herauf. Das Erschreckendste daran war,

dass niemand den Notalarm ausgelöst hatte. Das hieß, etwas

war so plötzlich und auf so brutale Weise passiert, dass niemand

die Chance gehabt hatte, die Vorschriften zu befolgen,

die ihnen vermutlich vom ersten Tag ihrer Ausbildung an

eingetrichtert worden waren. Das Pflegepersonal musste

vollauf damit beschäftigt sein, das, was da geschah, irgendwie

unter Kontrolle zu bekommen. Tony lief eilig den Flur entlang

auf die Treppe zu und drückte im Vorbeigehen den

Alarmknopf. Eine laute Sirene heulte sofort los. Mein Gott,

wenn man sowieso schon verrückt war, wie musste sich das

auf einen auswirken? Er erreichte die Treppe, verlangsamte

aber sein Tempo, damit er einen Blick ins Treppenhaus werfen

konnte, ob dort unten etwas zu sehen war.

Die Antwort war einfach: nichts. Die lauten Stimmen schienen

von rechts aus dem Flur zu kommen, wurden aber durch

Akustik und Entfernung verzerrt. Plötzlich das helle Klirren

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und Scheppern von splitterndem Glas. Dann eine schockierende,

kurze Stille.

»Oh, verflucht«, sagte jemand offenbar angewidert. Dann

ging das Rufen weiter, die Panik war unverkennbar. Ein

Schrei, dann das Geräusch eines Handgemenges. Ohne nachzudenken,

begann Tony, die Treppe hinunterzulaufen, um zu

sehen, was sich da tat.

Nach der letzten Treppenbiegung stürzten ihm aus dem Flur,

aus dem die Geräusche gekommen waren, mehrere Körper

entgegen. Zwei Pfleger näherten sich ihm rückwärts und

hielten einen dritten Mann. Es war ein Helfer, wie aus den

wenigen noch nicht blutigen Stellen seiner hellgrünen Schutzbekleidung

zu schließen war. Sie hinterließen eine rote Blutspur,

als sie ihn so schnell wie möglich zurückschleppten.

Ein Blutbad, dachte Tony, als eine stämmige Gestalt aus dem

Flur auftauchte, die eine Feuerwehraxt schwang wie der

grimmige Schnitter seine Sense. Seine Jeans und sein Polohemd

waren blutbespritzt, und kleine Tropfen fielen bei jedem

Schwung von der Klinge der Axt. Voll konzentriert verfolgte

der kräftige Mann seine Beute auf ihrer Flucht. »Bring

sie zu Ihm. Ihr könnt euch nicht verstecken«, murmelte er

monoton mit leiser Stimme. »Bring sie zu Ihm. Ihr könnt

euch nicht verstecken.« Er holte auf, noch zwei Schritte, und

die Axt würde wieder Haut und Gewebe durchtrennen.

Obwohl der Mann mit der Axt nicht zu seinen Patienten gehörte,

wusste Tony, wer es war. Er hatte sich extra Zeit genommen,

um sich mit den Akten der Patienten vertraut zu

machen, die als potenziell gewalttätig galten. Einerseits weil

er sich dafür interessierte, andererseits aber auch, weil er das

Gefühl hatte, sich dadurch eine Art Versicherung zu schaffen.

Es sah aber so aus, als würde er heute Abend seinen

Schadenfreiheitsrabatt verlieren.

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Tony blieb ein paar Stufen vor dem Ende der Treppe stehen.

»Lloyd«, rief er leise.

Allen hielt nicht inne, sondern schwang die Axt im Takt seines

Mantras. »Bring sie zu Ihm. Ihr könnt euch nicht verstecken

«, wiederholte er und fuhr mit der Schneide nur wenige

Zentimeter von den Pflegern entfernt durch die Luft.

Tony holte tief Luft und nahm die Schultern zurück. »So

bringen Sie sie nicht zu Ihm«, sagte er laut mit der ganzen

Autorität, die er aufbieten konnte. »Das verlangt Er nicht

von Ihnen, Lloyd. Das haben Sie falsch verstanden.«

Allen blieb stehen und drehte Tony das Gesicht zu. Er runzelte

die Stirn wie ein Hund, der verwirrt eine Wespe betrachtet.

»Es ist Zeit«, stieß er wütend hervor.

»Da haben Sie recht«, stimmte Tony zu und kam eine Stufe

weiter herunter. »Es ist Zeit. Aber Sie gehen die Sache falsch

an. Legen Sie Ihre Axt hin, und dann überlegen wir uns etwas

Besseres.« Er bemühte sich, streng auszusehen und sich die

Angst nicht anmerken zu lassen, die seinen Magen verkrampfte.

Wo zum Teufel war nur das Bereitschaftsteam? Er

machte sich keine Illusionen darüber, was er hier ausrichten

konnte. Vielleicht würde es ihm gelingen, Allen so lange aufzuhalten,

bis die Pfleger und der verwundete Helfer sich entfernt

hatten. Aber so gut er auch mit Gestörten und Geisteskranken

umgehen konnte, wusste er doch, dass es nicht ausreichen

würde, um bei Lloyd Allen wieder so etwas wie ein

seelisches Gleichgewicht herzustellen. Er hatte sogar Zweifel,

ob er ihn auch nur dazu bringen konnte, seine Waffe niederzulegen.

Aber er musste es versuchen, das war ihm klar.

Verdammt – wo blieb bloß die Nottruppe?

Allen schwang die Axt jetzt nicht mehr in weiten Bögen,

sondern hob sie schräg nach oben wie ein Baseballspieler, der

zum Schlag ausholt. »Es ist Zeit«, sagte er wieder. »Und du

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bist nicht Er.« Und er überwand den Abstand zwischen ihnen

beiden mit einem Sprung.

Er war so schnell, dass Tony nur einen roten Spalt und glattes

Metall aufglänzen sah. Dann loderte der Schmerz in der Mitte

seines Beins auf. Tony fi el um wie ein gefällter Baum, viel

zu überrascht, um auch nur zu schreien. In seinem Kopf

explodierte ein helles Licht. Dann war da nur noch Dunkelheit.

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Liste 2

Belladonna

Rizin

Oleander

Strychnin

Kokain

Eibe



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