Leseprobe
Val McDermid
Schleichendes Gift
Thriller
Aus dem Englischen von
Doris Styron
Für alle, die auf der Hochzeit waren
und halfen, sie zu einer der
wunderbarsten Erinnerungen zu machen.
Wir fühlen, wie unter der blutenden Hand
Der Heilkunst scharfes Mitleid bannt,
Des Fiebers Rätsel lösend, alle Qual.
T. S. Eliot, »East Coker«
aus: Vier Quartette
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Freitag
Die Mondphasen haben eine unerklärliche, aber unbestreitbare
Wirkung auf Geisteskranke. Alle Pfleger
psychiatrischer Anstalten bestätigen das. Es gilt unter ihnen
als allgemein anerkannte Wahrheit. Bei Vollmond macht keiner
freiwillig Überstunden. Es sei denn, er wäre in einer absolut
verzweifelten Lage. Auch Verhaltensforschern verursacht
diese Wahrheit Unbehagen, denn es geht hier nicht um
etwas, das sich einer unglücklichen Kindheit oder der Unfähigkeit
zu sozialem Verhalten zuschreiben ließe. Es ist ein
von außen einwirkender Rhythmus, der sich durch keinerlei
Behandlung überwinden lässt. Diese Kraft lässt die Fluten
steigen und reißt die Irren aus ihren gestörten Bahnen.
Die innere Dynamik des Bradfield Moor Secure Hospital
unterlag dem Sog des Vollmonds genauso, wie sein Name
vermuten ließ. Manche der dort Beschäftigten waren der
Meinung, dass Bradfield Moor ein Aufbewahrungsort für
jene Geisteskranken sei, die zu gefährlich waren, um frei herumzulaufen.
Andere sahen darin einen Zufluchtsort für Wesen,
die für das erbarmungslose Chaos des Lebens draußen
zu zerbrechlich sind. Und für den Rest war es ein vorübergehender
Unterschlupf, der die Hoffnung bot, in eine nicht
allzu streng definierte Normalität zurückkehren zu können.
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Die dritte Gruppe war, was kaum überraschen wird, in der
Minderzahl und wurde von den beiden anderen zutiefst verachtet.
In jener Nacht war nicht nur Vollmond, sondern auch eine
partielle Mondfinsternis. Als die Erde zwischen ihrem Satelliten
und der Sonne vorbeizog, nahmen die fahlen Schatten
der Mondoberfläche nach einem kränklichen Gelb- allmählich
einen dunklen Orangeton an. Für die meisten Beobachter
besaß die Mondfinsternis eine geheimnisvolle Schönheit
und rief Staunen und Bewunderung hervor. Lloyd Allen hingegen,
einer der Patienten des Bradfield Moor Hospital, die
sich relativ frei bewegen konnten, sah darin den schlüssigen
Beweis für seine Überzeugung, dass die letzten Tage der
Menschheit bevorstanden und es seine Pflicht sei, so viele
Menschen wie möglich vor ihren Schöpfer treten zu lassen.
Man hatte ihn in die Anstalt gesperrt, bevor er sein Ziel erreichen
konnte, möglichst viel Blut zu vergießen, damit bei der
unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi die Seelen
leichter gen Himmel aufsteigen konnten. Da er an der Ausführung
seiner Mission gehindert worden war, brannte diese
nun umso stärker in ihm.
Lloyd Allen war nicht dumm, was die Arbeit seiner Bewacher
umso schwieriger machte. Die Pfleger in der Psychiatrie
waren mit unbedarften Täuschungsmanövern vertraut und
konnten sie relativ leicht durchkreuzen. Viel schwieriger war
es, die Pläne derer vorauszusehen, die verrückt, aber intelligent
agierten. In letzter Zeit hatte Allen eine Methode entwickelt,
die ihm erlaubte, seine Medikamente nicht mehr einnehmen
zu müssen. Die erfahrenen Pfleger kannten solche
Tricks und wussten, wie man sie abwenden konnte, aber
Neulingen wie Khalid Khan fehlte noch die nötige Gewieftheit.
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Allen hatte es am Abend vor der Vollmondnacht geschafft,
zweimal der Chemiekeule zu entgehen, die Khan ihm verabreicht
zu haben glaubte. Als die Verfinsterung sichtbar wurde,
tönte in Allens Kopf ein leise trommelnder, ständig wiederkehrender
Satz. »Bring sie zu mir, bring sie zu mir, bring
sie zu mir«, dröhnte es ohne Unterlass in seinem Inneren.
Von seinem Zimmer aus konnte er ein Stück des Mondes sehen,
auf dessen Gesicht sich die prophezeite blutige Flut ausbreitete.
Die Zeit war gekommen. Die Zeit war tatsächlich
gekommen. Aufgeregt ballte er die Fäuste, stieß wie ein verrückter
Boxer vor einem Angriff die Unterarme alle zwei
Sekunden ruckartig nach oben und ging dann wieder in
Deckung.
Er drehte sich um und stolperte ungeschickt auf die Tür zu.
Er musste hinaus, um seine Mission zu erfüllen. Der Pfleger
würde bald mit den Medikamenten für die Nacht da sein.
Dann würde ihm Gott die Kraft geben, die er brauchte. Gott
würde ihn hinausführen, Gott würde ihm den Weg zeigen.
Gott wusste, was er tun musste. Er würde sie zu Ihm bringen.
Die Zeit war reif, der Mond verströmte Blut. Die Zeichen
mehrten sich, und er musste seine Aufgabe vollenden.
Er war erwählt, er war der Weg zur Rettung der Sünder. Er
würde sie zu Gott bringen.
Der Lichtkegel erhellte ein kleines Stück der Schreibfläche
auf einem schäbigen Kliniktisch. Eine Akte lag offen da, und
eine Hand mit einem Kugelschreiber schwebte über dem
Rand der Seite. Im Hintergrund erklang klagend Mobys
Song »Spiders«. Die CD war Dr. Tony Hill geschenkt worden,
er hätte sie sich niemals selbst gekauft. Aber irgendwie
war sie zum festen Bestandteil seines Arbeitsrituals am späten
Abend geworden.
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Tony rieb sich die brennenden Augen und vergaß dabei, an
seine neue Lesebrille zu denken. »Autsch«, jammerte er, als
das Gestell sich in seinen Nasenrücken drückte. Mit dem
kleinen Finger erwischte er das Glas der randlosen Brille,
und sie flog aus seinem Gesicht direkt auf die Akte, die er
gerade las. Er konnte sich den nachsichtig amüsierten Blick
von Detective Chief Inspector Carol Jordan vorstellen, die
ihm die Moby-CD geschenkt hatte. Seine Zerstreutheit und
Ungeschicklichkeit waren schon lange Gegenstand ständiger
Witze zwischen ihnen.
Aber über eine Tatsache konnte sie sich weder lustig noch
ihm daraus einen Vorwurf machen: dass er freitagabends
noch um halb neun an seinem Schreibtisch saß. Ihr Widerstreben,
das Büro zu verlassen, bevor auch wirklich alles erledigt
war, war mindestens genauso stark wie seines. Wäre sie
hier gewesen, hätte sie verstanden, wieso er geblieben war
und noch einmal den Bericht durchging, den er so akribisch
für die Haftentlassungskommission vorbereitet hatte. Einen
Bericht, den man dort munter ignoriert hatte, als man die
Entscheidung traf, Bernard Sharples der Bewährungshilfe zu
übergeben. Sein Anwalt hatte die Kommission überzeugt,
dass er keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit darstelle.
Ein vorbildlicher Häftling, der mit den Behörden bei allem,
was von ihm verlangt wurde, zusammengearbeitet und geradezu
ein Musterbeispiel für Reue geboten hatte.
Na ja, dachte Tony bitter, natürlich war Sharples ein vorbildlicher
Gefangener gewesen. Es war leicht, gutes Benehmen
zu zeigen, wenn die Objekte der Begierde so unerreichbar
waren, dass sich selbst der besessenste Phantast nur schwer
etwas ausdenken konnte, was auch nur im Entferntesten einer
Versuchung glich. Sharples würde rückfällig werden, er
spürte es in seinen Knochen. Und teilweise würde es seine
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Schuld sein, weil er seine Sicht der Dinge nicht überzeugend
genug hatte darlegen können.
Er setzte die Brille wieder auf und markierte zwei Absätze
mit seinem Stift. Er hätte seine Argumente entschiedener
vertreten können und sollen, ohne Lücken, die der Verteidigung
Angriffspunkte liefern konnten. Er hätte als Tatsache
geltend machen müssen, was nach seiner jahrelangen Erfahrung
mit Serientätern doch nur auf Mutmaßungen gründete;
dazu kam dann noch sein Instinkt, der sich bei den Gesprächen
mit Sharples auf das stützte, was sich zwischen den
Zeilen lesen ließ. Doch in der schwarzweißen Welt des Bewährungsausschusses
gab es keine Grautöne. Tony schien
immer noch nicht gelernt zu haben, dass Aufrichtigkeit selten
die beste Vorgehensweise war, wenn man es mit der Strafjustiz
zu tun hatte.
Er zog ein Blöckchen mit Klebezetteln heran, aber bevor er
etwas daraufkritzeln konnte, drang von draußen Lärm in
sein Büro.
Normalerweise ließ er sich von den verschiedenen Hintergrundgeräuschen
nicht stören, die zum Leben im Bradfield
Moor Hospital dazugehörten. Der Lärmschutz war erstaunlich
wirksam, und außerdem spielten sich die schlimmsten
Szenen von Qual und Pein meistens weit entfernt von den
Büros ab, wo Akademiker mit einem gewissen Ansehen arbeiteten.
Mehr Lärm. Es klang wie ein Fußballspiel oder eine gewalttätige
Demonstration und war jedenfalls so geräuschvoll,
dass es unvernünftig gewesen wäre, es zu ignorieren. Seufzend
stand Tony auf, ließ die Brille auf den Schreibtisch fallen
und ging zur Tür.
Alles andere war besser als das hier.
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Nicht viele Menschen hätten eine Stelle am Bradfield Moor
Hospital wohl als die Erfüllung eines Traums betrachtet.
Aber für Jerzy Golabeck war sie mehr, als er sich nach seiner
Kindheit und Jugend in Plotzk jemals erträumt hätte. Seit die
polnischen Könige sich 1138 aus dem Staub gemacht hatten,
war in Plotzk nicht mehr viel passiert. Arbeitsplätze waren
heutzutage nur in den Erdölraffinerien zu haben, wo die
Löhne erbärmlich und Berufskrankheiten alltäglich waren.
Jerzys enger Horizont hatte sich durch Polens Beitritt zur
Europäischen Gemeinschaft mit einem Schlag überwältigend
erweitert. Er hatte als einer der ersten mit einem Billigflug
von Krakau nach Leeds/Bradford Airport auch die Aussicht
auf ein neues Leben gebucht. Aus seiner Perspektive kam
sein Mindestlohn einer Riesensumme gleich. Und mit den
Insassen des Bradfield Moor Hospital zu arbeiten war nicht
so viel anders, als sich mit einem senilen Großvater abzugeben,
der Lech Walesa immer noch für den Mann der Zukunft
hielt.
So hatte Jerzy also der Wahrheit ein wenig nachgeholfen und
sich etwas Erfahrung im Umgang mit psychisch Kranken zusammengebastelt,
die wenig Ähnlichkeit mit seiner tatsächlichen
Vergangenheit am Fließband einer Essiggurkenfabrik
hatte.
Bis jetzt war das kein Problem gewesen. Die Pfleger und
Helfer waren mehr damit beschäftigt, die Patienten in Schach
zu halten als sie zu therapieren. Sie verabreichten Medikamente
und beseitigten Schmutz und Unordnung. Alle Versuche
einer Heilung oder Linderung blieben den Ärzten,
Psychiatern, Therapeuten verschiedener Schulen und klinischen
Psychologen überlassen. Es schien, dass niemand viel
mehr von Jerzy erwartete, als dass er pünktlich zur Arbeit
erschien und sich nicht vor körperlich unangenehmen Anstrengungen drückte, die in jeder Schicht vorkamen. Das alles konnte er mühelos bewältigen.
Nebenbei hatte er einen genauen Blick für das entwickelt,
was sich um ihn herum abspielte, und niemanden überraschte
das mehr als ihn selbst. Aber es war unbestreitbar, dass Jerzy
instinktiv erkannte, wenn Patienten die Ausgeglichenheit abhanden
kam, die das Funktionieren des Bradfield Moor Hospital
überhaupt möglich machte. Er war einer der wenigen
Angestellten der Anstalt, die jemals bemerkt hatten, dass
etwas mit Lloyd Allen nicht stimmte. Das Problem war nur,
dass er sich inzwischen schon zutraute, selbst mit der Sache
fertig zu werden. Er war nicht der erste Vierundzwanzigjährige,
der eine übertriebene Vorstellung von seinen Fähigkeiten
hatte. Allerdings einer der wenigen, die wegen dieses
Irrtums zu Tode kamen.
Sobald er Lloyd Allens Zimmer betreten hatte, sträubten sich
die Haare auf seinen Armen. Allen stand, die breiten Schultern
verkrampft, mitten in dem engen Raum. Die schnellen
Bewegungen seiner Augen verrieten Jerzy, dass die Medikamente
entweder auf spektakuläre Weise plötzlich ihre Wirkung
verloren hatten oder dass es Allen irgendwie gelungen
war, sie gar nicht einzunehmen. Jedenfalls schien er sich nur
auf die Stimmen in seinem Kopf zu konzentrieren. »Zeit für
deine Pillen, Lloyd«, sagte Jerzy betont beiläufig.
»Kann ich nicht.« Allens Stimme klang wie ein angespanntes
Ächzen.
Er wippte leicht auf den Fußballen und rieb sich die Hände
wie beim Waschen. Die Muskeln seiner Unterarme zitterten
und zuckten.
»Du weißt doch, dass du sie brauchst.«
Allen schüttelte den Kopf.
Jerzy tat dasselbe. »Wenn du deine Pillen nicht nimmst, muss
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ich es melden. Dann wird es schwierig für dich, Lloyd. Das
wollen wir doch nicht, oder?«
Allen stürzte sich auf Jerzy und erwischte ihn mit dem rechten
Ellbogen unterhalb des Brustbeins, so dass dem Pfleger
die Luft wegblieb. Als Jerzy sich vorwärtsbeugte, würgte
und nach Luft schnappte, stürmte Allen an ihm vorbei und
stieß ihn auf dem Weg zur Tür zu Boden. An der Tür blieb
Allen plötzlich stehen und drehte sich um.
Jerzy bemühte sich, klein und ungefährlich auszusehen, aber
Allen kam trotzdem zurück zu ihn. Er hob den Fuß und trat
Jerzy so fest in den Magen, dass die Luft aus dessen Lunge
entwich und ihm vor tobendem Schmerz schwindlig wurde.
Während Jerzy sich den Leib hielt, griff Allen ruhig nach
unten und riss die Schlüsselkarte von seinem Gürtel. »Ich
muss sie zu Ihm bringen«, knurrte er und ging wieder auf die
Tür zu.
Jerzy konnte ein schreckliches, krampfhaftes Ächzen nicht
unterdrücken, als sein Körper nach Sauerstoff rang. Aber
sein Gehirn funktionierte einwandfrei. Er wusste, dass er es
zum Alarmknopf im Flur schaffen musste. Allen konnte sich
mit Jerzys Schlüssel fast überall im Haus Zutritt verschaffen.
Er konnte die Zimmer der anderen Insassen öffnen. Es würde
nicht lange dauern, so viele seiner Genossen zu befreien,
bis sie dem Personal zu dieser Zeit des Abenddienstes zahlenmäßig
deutlich überlegen sein würden.
Hustend, keuchend und mit Spucke am Kinn zwang sich
Jerzy auf die Knie und rutschte näher zum Bett. Er klammerte
sich am Rahmen fest, und es gelang ihm, sich auf die
Füße hochzuziehen. Die Hände auf den Bauch gepresst, stolperte
er in den Flur hinaus. Weiter vorn sah er Allen, der die
Schlüsselkarte durch das Lesegerät an der Tür zu führen versuchte,
von wo er in den Hauptteil des Gebäudes gelangen
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würde. Man musste die Karte mit der genau richtigen Geschwindigkeit
durchziehen. Jerzy wusste das, Allen aber
Gott sei Dank nicht. Er schlug auf das Lesegerät ein und versuchte
es noch einmal. Schwankend versuchte Jerzy, so leise
wie möglich an den Alarmknopf heranzukommen.
Aber er war nicht leise genug. Irgendetwas machte Allen aufmerksam,
und er fuhr herum. »Bring sie zu Ihm«, brüllte er
und rannte los. Sein Gewicht allein genügte, um Jerzys geschwächten
Körper wieder auf den Boden zu werfen. Jerzy
bedeckte den Kopf mit den Armen, aber das half nichts. Das
Letzte, was er spürte, war ein furchtbarer Druck hinter den
Augen, als Allen ihm mit voller Wucht auf den Kopf trat.
Als Tony die Tür öffnete, brandete ihm das Getöse in voller
Lautstärke entgegen. Rufe, Flüche und Schreie drangen
durchs Treppenhaus herauf. Das Erschreckendste daran war,
dass niemand den Notalarm ausgelöst hatte. Das hieß, etwas
war so plötzlich und auf so brutale Weise passiert, dass niemand
die Chance gehabt hatte, die Vorschriften zu befolgen,
die ihnen vermutlich vom ersten Tag ihrer Ausbildung an
eingetrichtert worden waren. Das Pflegepersonal musste
vollauf damit beschäftigt sein, das, was da geschah, irgendwie
unter Kontrolle zu bekommen. Tony lief eilig den Flur entlang
auf die Treppe zu und drückte im Vorbeigehen den
Alarmknopf. Eine laute Sirene heulte sofort los. Mein Gott,
wenn man sowieso schon verrückt war, wie musste sich das
auf einen auswirken? Er erreichte die Treppe, verlangsamte
aber sein Tempo, damit er einen Blick ins Treppenhaus werfen
konnte, ob dort unten etwas zu sehen war.
Die Antwort war einfach: nichts. Die lauten Stimmen schienen
von rechts aus dem Flur zu kommen, wurden aber durch
Akustik und Entfernung verzerrt. Plötzlich das helle Klirren
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und Scheppern von splitterndem Glas. Dann eine schockierende,
kurze Stille.
»Oh, verflucht«, sagte jemand offenbar angewidert. Dann
ging das Rufen weiter, die Panik war unverkennbar. Ein
Schrei, dann das Geräusch eines Handgemenges. Ohne nachzudenken,
begann Tony, die Treppe hinunterzulaufen, um zu
sehen, was sich da tat.
Nach der letzten Treppenbiegung stürzten ihm aus dem Flur,
aus dem die Geräusche gekommen waren, mehrere Körper
entgegen. Zwei Pfleger näherten sich ihm rückwärts und
hielten einen dritten Mann. Es war ein Helfer, wie aus den
wenigen noch nicht blutigen Stellen seiner hellgrünen Schutzbekleidung
zu schließen war. Sie hinterließen eine rote Blutspur,
als sie ihn so schnell wie möglich zurückschleppten.
Ein Blutbad, dachte Tony, als eine stämmige Gestalt aus dem
Flur auftauchte, die eine Feuerwehraxt schwang wie der
grimmige Schnitter seine Sense. Seine Jeans und sein Polohemd
waren blutbespritzt, und kleine Tropfen fielen bei jedem
Schwung von der Klinge der Axt. Voll konzentriert verfolgte
der kräftige Mann seine Beute auf ihrer Flucht. »Bring
sie zu Ihm. Ihr könnt euch nicht verstecken«, murmelte er
monoton mit leiser Stimme. »Bring sie zu Ihm. Ihr könnt
euch nicht verstecken.« Er holte auf, noch zwei Schritte, und
die Axt würde wieder Haut und Gewebe durchtrennen.
Obwohl der Mann mit der Axt nicht zu seinen Patienten gehörte,
wusste Tony, wer es war. Er hatte sich extra Zeit genommen,
um sich mit den Akten der Patienten vertraut zu
machen, die als potenziell gewalttätig galten. Einerseits weil
er sich dafür interessierte, andererseits aber auch, weil er das
Gefühl hatte, sich dadurch eine Art Versicherung zu schaffen.
Es sah aber so aus, als würde er heute Abend seinen
Schadenfreiheitsrabatt verlieren.
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Tony blieb ein paar Stufen vor dem Ende der Treppe stehen.
»Lloyd«, rief er leise.
Allen hielt nicht inne, sondern schwang die Axt im Takt seines
Mantras. »Bring sie zu Ihm. Ihr könnt euch nicht verstecken
«, wiederholte er und fuhr mit der Schneide nur wenige
Zentimeter von den Pflegern entfernt durch die Luft.
Tony holte tief Luft und nahm die Schultern zurück. »So
bringen Sie sie nicht zu Ihm«, sagte er laut mit der ganzen
Autorität, die er aufbieten konnte. »Das verlangt Er nicht
von Ihnen, Lloyd. Das haben Sie falsch verstanden.«
Allen blieb stehen und drehte Tony das Gesicht zu. Er runzelte
die Stirn wie ein Hund, der verwirrt eine Wespe betrachtet.
»Es ist Zeit«, stieß er wütend hervor.
»Da haben Sie recht«, stimmte Tony zu und kam eine Stufe
weiter herunter. »Es ist Zeit. Aber Sie gehen die Sache falsch
an. Legen Sie Ihre Axt hin, und dann überlegen wir uns etwas
Besseres.« Er bemühte sich, streng auszusehen und sich die
Angst nicht anmerken zu lassen, die seinen Magen verkrampfte.
Wo zum Teufel war nur das Bereitschaftsteam? Er
machte sich keine Illusionen darüber, was er hier ausrichten
konnte. Vielleicht würde es ihm gelingen, Allen so lange aufzuhalten,
bis die Pfleger und der verwundete Helfer sich entfernt
hatten. Aber so gut er auch mit Gestörten und Geisteskranken
umgehen konnte, wusste er doch, dass es nicht ausreichen
würde, um bei Lloyd Allen wieder so etwas wie ein
seelisches Gleichgewicht herzustellen. Er hatte sogar Zweifel,
ob er ihn auch nur dazu bringen konnte, seine Waffe niederzulegen.
Aber er musste es versuchen, das war ihm klar.
Verdammt – wo blieb bloß die Nottruppe?
Allen schwang die Axt jetzt nicht mehr in weiten Bögen,
sondern hob sie schräg nach oben wie ein Baseballspieler, der
zum Schlag ausholt. »Es ist Zeit«, sagte er wieder. »Und du
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bist nicht Er.« Und er überwand den Abstand zwischen ihnen
beiden mit einem Sprung.
Er war so schnell, dass Tony nur einen roten Spalt und glattes
Metall aufglänzen sah. Dann loderte der Schmerz in der Mitte
seines Beins auf. Tony fi el um wie ein gefällter Baum, viel
zu überrascht, um auch nur zu schreien. In seinem Kopf
explodierte ein helles Licht. Dann war da nur noch Dunkelheit.
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Liste 2
Belladonna
Rizin
Oleander
Strychnin
Kokain
Eibe
