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Cover
VERLAG
Knaur TB
SEITENZAHL
592
AUSSTATTUNG
Taschenbuch
PREIS
EUR (D) 9,95
ISBN
3-426-61911-3
ISBN-13
978-3-426-61911-7
ERSCHEINUNGSTERMIN
01.05.2001

 

Leseprobe




Mittwoch, 11. Dezember 1963, 19 Uhr 53

Helfen Sie mir. Sie müssen mir helfen." Die Stimme der Frau zitterte, sie drohte in Tränen auszubrechen. Der Polizeibeamte vom Dienst hatte den Hörer abgenommen und hörte etwas wie einen Schluckauf, als hätte die Frau am Apparat Schwierigkeiten, zu sprechen.

"Dafür sind wir ja da, Madam", sagte Constable Ron Swindells apathisch. Er hatte fast fünfzehn Jahre lang in Buxton Dienst geschoben, und während der letzten fünf Jahre hatte er oft das Gefühl, er erlebe die ersten zehn noch einmal. Er fand, es gab nichts Neues auf der Welt. Diese Sicht der Dinge sollte von den kommenden Ereignissen bald erschüttert werden. Aber fürs erste begnügte er sich noch mit der Phrase, die sich bis heute immer bewährt hatte: "Was ist passiert?" fragte er mit seiner tiefen, sanften, aber unpersönlichen Baßstimme.

"Alison", sagte die Frau schwer atmend. "Meine Alison ist nicht heimgekommen."

"Alison ist Ihre Kleine, oder?" fragte Constable Swindells demonstrativ gelassen und versuchte dadurch, beruhigend auf die Frau einzuwirken.

"Sie ist gleich mit dem Hund rausgegangen, als sie aus der Schule kam. Und bis jetzt ist sie nicht heimgekommen." Hysterische Erregung ließ die Stimme der Frau höher klingen. Swindells warf automatisch einen Blick auf die Uhr. Sieben Minuten vor acht. Die Frau machte sich zu Recht Sorgen. Das Mädchen mußte schon fast vier Stunden von zu Haus weg sein, und zu dieser Jahreszeit war das nicht lustig. "Könnte sie vielleicht zu Freunden gegangen sein, spontan, weil es ihr gerade in den Sinn kam?" fragte er und wußte bereits, daß sie das schon überlegt hatte, lange bevor sie ihn überhaupt anrief.

"Ich hab an alle Türen im Dorf geklopft. Sie ist weg, sag ich Ihnen. Meiner Alison ist etwas zugestoßen." Jetzt fing die Frau zu weinen an, sie stieß die halb erstickten Worte in den Pausen zwischen den Schluchzern hervor. Swindells glaubte, eine andere Stimme im Hintergrund murmeln zu hören.

Dorf, hatte die Frau gesagt. "Von wo rufen Sie eigentlich an, Madam?" fragte er.

Nach einem gedämpft klingenden Wortwechsel war eine klare männliche Stimme zu hören, ein unverkennbar aus dem Süden stammender Akzent, aus dem energische Autorität sprach. "Philip Hawkin hier, vom Manor House in Scardale", sagte er. "Ich verstehe, Sir", sagte Swindells argwöhnisch. Obwohl diese Auskunft eigentlich nichts an der Situation änderte, ließ sie den Polizeibeamten vorsichtiger werden, da er sich bewußt war, daß Scardale in mehr als einer Hinsicht außerhalb seiner gewohnten Einflußsphäre lag. Scardale war nicht nur eine ganz andere Welt als das geschäftige Marktstädtchen, wo Swindells wohnte und arbeitete; es hatte den Ruf, nach seinem eigenen Gesetz zu leben. Daß ein solcher Anruf aus Scardale kam, bedeutete, daß etwas recht Außergewöhnliches geschehen sein mußte.

Die Stimme des Anrufers rutschte ein Intervall tiefer und vermittelte jetzt den Eindruck, er wolle mit Swindells von Mann zu Mann reden. "Sie müssen das meiner Frau nachsehen. Sie ist ziemlich aufgeregt. So emotional, die Frauen, finden Sie nicht auch? Also, ich bin sicher, daß Alison nichts Schlimmes zugestoßen ist, aber meine Frau bestand darauf, Sie anzurufen. Ich bin sicher, sie wird jede Minute hier auftauchen, und ich möchte schließlich auf keinen Fall Ihre Zeit unnötig in Anspruch nehmen."

"Wenn Sie mich über die Einzelheiten aufklären könnten, Sir", sagte Swindells gleichgültig und zog seinen Notizblock näher zu sich heran.

Inspector George Bennett hätte schon längst zu Haus sein sollen. Es war fast zwanzig Uhr, weit über die Zeit hinaus, zu der man leitende Kriminalbeamte noch an ihrem Schreibtisch erwartete. Eigentlich hätte er schon in seinem Sessel sitzen sollen, die langen Beine vor dem lodernden Kohlenfeuer ausgestreckt, ein gutes Essen im Bauch und Coronation Street auf dem Fernsehschirm vor ihm. Während Anne das Geschirr wegräumte und abwusch, ging er dann oft auf ein Bier und einen Schwatz in den Duke of York oder das Baker's Arms. Durch nichts konnte man so schnell ein Gefühl für eine Gegend bekommen wie durch Gespräche an der Bar. Und er brauchte diesen Vorsprung mehr als irgendein anderer seiner Kollegen, da er erst vor sechs Monaten neu zugezogen war. Er wußte, daß die Stammgäste ihm nicht genug trauten, um viel von ihrem Tratsch an ihn weiterzugeben, aber nach und nach fingen sie an, ihn wie das Mobiliar zu behandeln und zu vergeben und zu vergessen, daß sein Vater und sein Großvater in einer anderen Ecke der Grafschaft beim Abendessen zu sitzen pflegten.

Er schaute auf seine Uhr. Nur wenn er Glück hatte, würde er es heute abend überhaupt noch zum Pub schaffen. Nicht daß er das als großen Verlust empfunden hätte. George saß eigentlich nicht gern herum und trank. Wenn er nicht durch seinen Beruf verpflichtet gewesen wäre, den Geschehnissen in der Stadt auf der Spur zu bleiben, hätte er wohl die ganze Woche kein Pub betreten. Er wäre viel lieber mit Anne zu einer der neuen Beatgruppen, die regelmäßig in den Pavilion Gardens spielten, tanzen oder mit ihr ins Kino gegangen. Oder einfach zu Hause geblieben. Sie waren seit drei Monaten verheiratet, und George konnte es immer noch kaum glauben, daß Anne ihr ganzes Leben mit ihm verbringen wollte. Es war ein Wunder, das ihm in den schlimmsten Zeiten seiner Arbeit Kraft gab. Bisher hatte diese eher Einförmigkeit als abscheuliche Verbrechen mit sich gebracht. Die Ereignisse der nächsten sieben Monate sollten dieses Wunder allerdings einer härteren Prüfung unterziehen.

An diesem Abend war der Gedanke an Anne, die strickend vor dem Fernseher saß und auf seine Rückkehr wartete, jedoch eine viel größere Versuchung als jedes Glas Bier. George riß einen Zettel von seinem Notizblock ab und legte ihn, um die Stelle zu markieren, in die Unterlagen, die er durchgesehen hatte, klappte. die Akte zu und legte sie in seine Schreibtischschublade. Er drückte seine Gold-Leaf-Zigarette aus, leerte den Aschenbecher in den Papierkorb beim Schreibtisch, was er immer als letztes tat, bevor er seinen Trenchcoat und, etwas befangen, den breitkrempigen Filzhut nahm, mit dem er sich immer ein wenig lächerlich vorkam. Anne war davon begeistert; sie sagte immer, er sehe damit wie James Stewart aus. Er selbst fand das nicht. Nur daß er ein längliches Gesicht und welliges blondes Haar hatte, machte ihn noch nicht zum Filmstar. Er schlüpfte in den Mantel und bemerkte, daß er jetzt fast zu eng war wegen des wattierten Futters, das zu kaufen Anne von ihm verlangt hatte. Obwohl der Mantel über seinen breiten Kricketspieler-Schultern jetzt ein bißchen spannte, wußte er doch, daß er froh darum sein würde, sobald er den Hof des Reviers betrat mit dem beißenden Wind, der vom Moorland herunter immer durch die Straßen Buxtons zu fegen schien.

Er ließ den Blick ein letztes Mal in seinem Zimmer umherschweifen, um sicher zu sein, daß er nichts hatte liegenlassen, was die Augen der Putzfrau nicht sehen sollten, und schloß die Tür hinter sich. Ein schneller Blick zeigte ihm, daß niemand mehr im Büro der Kriminalpolizei war, und so ging er noch einmal zurück, um sich einen kurzen Augenblick der Eitelkeit zu gönnen. DETECTIVE INSPECTOR G. D. BENNETT stand in weißen Lettern auf einem kleinen schwarzen Plastikschild. Es war etwas, auf das man stolz sein konnte, meinte er. Noch nicht dreißig und schon Detective Inspector. Jede öde Minute der drei Jahre endlosen Büffelns für sein Juraexamen hatte sich gelohnt, da es ihm den Weg zum schnellen Aufstieg geebnet hatte. Er war einer der ersten, dem sich nach abgeschlossenem Studium der neue, beschleunigte Beförderungsweg bei der Polizei in Derbyshire eröffnet hatte. Jetzt, sieben Jahre nach seinem Amtseid, war er der jüngste Kriminaloberkommissar, den die Grafschaft je gesehen hatte.

Da niemand da war, der den Mangel würdiger Haltung bei ihm hätte bemerken können, rannte er schnell die Treppe hinunter. Mit Schwung kam er durch die Pendeltüren in die Polizeiwache. Drei Köpfe wandten sich abrupt nach ihm um, als er eintrat. Einen Augenblick wußte George nicht, warum es so still war. Dann erinnerte er sich. Die halbe Stadt war beim Gedenkgottesdienst für den kürzlich ermordeten Präsidenten Kennedy, einer für alle Konfessionen offenen Messe. Man hatte den ermordeten Staatsmann als Sohn der Stadt adoptiert. Schließlich war JFK nur Monate vor seinem Tod hier gewesen, um das Grab seiner Schwester zu besuchen, das nur ein paar Meilen entfernt in Edensor auf dem Gelände von Chatsworth House lag. Daß eine der Krankenschwestern, die den Chirurgen bei ihrem erfolglosen Kampf um das Präsidentenleben in einer Klinik in Dallas beigestanden hatte, aus Buxton war, hatte in den Augen der Einwohner die Verbundenheit nur noch verstärkt.

"Nichts weiter los hier, Sergeant?" fragte er.

Bob Lucas, der Polizeibeamte vom Dienst, runzelte die Stirn und zuckte eine Schulter. Er sah auf ein Stück Papier in seiner Hand. "Bis vor fünf Minuten nicht, Sir." Er richtete sich auf.

"Wahrscheinlich ist es gar nichts", sagte er. "Eins zu hundert, bis wir hinkommen, hat es sich schon erledigt."

"lrgendwas Interessantes?" fragte George beiläufig. Er wollte nicht, daß Bob Lucas dachte, er sei einer dieser Kriminalkommissare, die ihre Kollegen in Uniform behandelten, als wären sie die Affen und er der Drehorgelmann.

"'n Mädchen wird vermißt", sagte Lucas und streckte ihm den Zettel hin. "Constable Swindells hat gerade den Anruf angenommen. Er kam direkt, nicht über die Notrufnummer."

George versuchte sich vorzustellen, wo Scardale wohl auf einer Karte der Umgegend lag. "Haben wir einen Mann dort, Sergeant?" fragte er, um Zeit zu gewinnen.

"Das ist nicht nötig. Es ist nur ein Weiler. Höchstens zehn Häuser. Nein, für Scardale ist Peter Grundy in Longnor zuständig. Es ist nur zwei Meilen von dort. Aber die Mutter dachte offensichtlich, es sei zu wichtig für Peter."

"Und was denken Sie?" George war vorsichtig.

"Ich glaube, ich sollte den Streifenwagen nehmen, nach Scardale rausfahren und mit Mrs. Hawkin reden, Sir. Ich hole Peter ab und nehme ihn mit." Während er sprach, griff Lucas nach seiner Mütze und setzte sie sich gerade aufs Haar, das fast ebenso schwarz und glänzend war wie seine Stiefel. Seine roten Wangen sahen aus, als hätte er Pingpongbälle im Mund. Zusammen mit den glitzernden dunklen Augen und den geraden schwarzen Augenbrauen gaben sie ihm Ähnlichkeit mit der bunten Puppe eines Bauchredners. Aber George hatte schon gemerkt, daß Bob Lucas sich keineswegs von irgend jemandem Worte in den Mund legen ließ. Er wußte, daß er eine ehrliche Antwort bekommen würde, wenn er Lucas eine Frage stellte.

"Würde es Sie stören, wenn ich mitkäme?" fragte George.



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