Leseprobe
Mittwoch, 11. Dezember 1963, 19 Uhr 53
Helfen
Sie mir. Sie müssen mir helfen." Die Stimme der Frau zitterte, sie
drohte in Tränen auszubrechen. Der Polizeibeamte vom Dienst hatte den
Hörer abgenommen und hörte etwas wie einen Schluckauf, als hätte die
Frau am Apparat Schwierigkeiten, zu sprechen.
"Dafür sind wir
ja da, Madam", sagte Constable Ron Swindells apathisch. Er hatte fast
fünfzehn Jahre lang in Buxton Dienst geschoben, und während der letzten
fünf Jahre hatte er oft das Gefühl, er erlebe die ersten zehn noch
einmal. Er fand, es gab nichts Neues auf der Welt. Diese Sicht der
Dinge sollte von den kommenden Ereignissen bald erschüttert werden.
Aber fürs erste begnügte er sich noch mit der Phrase, die sich bis
heute immer bewährt hatte: "Was ist passiert?" fragte er mit seiner
tiefen, sanften, aber unpersönlichen Baßstimme.
"Alison", sagte die Frau schwer atmend. "Meine Alison ist nicht heimgekommen."
"Alison ist Ihre Kleine, oder?" fragte Constable Swindells demonstrativ
gelassen und versuchte dadurch, beruhigend auf die Frau einzuwirken.
"Sie ist gleich mit dem Hund rausgegangen, als sie aus der Schule kam.
Und bis jetzt ist sie nicht heimgekommen." Hysterische Erregung ließ
die Stimme der Frau höher klingen. Swindells warf automatisch einen
Blick auf die Uhr. Sieben Minuten vor acht. Die Frau machte sich zu
Recht Sorgen. Das Mädchen mußte schon fast vier Stunden von zu Haus weg
sein, und zu dieser Jahreszeit war das nicht lustig. "Könnte sie
vielleicht zu Freunden gegangen sein, spontan, weil es ihr gerade in
den Sinn kam?" fragte er und wußte bereits, daß sie das schon überlegt
hatte, lange bevor sie ihn überhaupt anrief.
"Ich hab an alle
Türen im Dorf geklopft. Sie ist weg, sag ich Ihnen. Meiner Alison ist
etwas zugestoßen." Jetzt fing die Frau zu weinen an, sie stieß die halb
erstickten Worte in den Pausen zwischen den Schluchzern hervor.
Swindells glaubte, eine andere Stimme im Hintergrund murmeln zu hören.
Dorf, hatte die Frau gesagt. "Von wo rufen Sie eigentlich an, Madam?" fragte er.
Nach einem gedämpft klingenden Wortwechsel war eine klare männliche
Stimme zu hören, ein unverkennbar aus dem Süden stammender Akzent, aus
dem energische Autorität sprach. "Philip Hawkin hier, vom Manor House
in Scardale", sagte er. "Ich verstehe, Sir", sagte Swindells
argwöhnisch. Obwohl diese Auskunft eigentlich nichts an der Situation
änderte, ließ sie den Polizeibeamten vorsichtiger werden, da er sich
bewußt war, daß Scardale in mehr als einer Hinsicht außerhalb seiner
gewohnten Einflußsphäre lag. Scardale war nicht nur eine ganz andere
Welt als das geschäftige Marktstädtchen, wo Swindells wohnte und
arbeitete; es hatte den Ruf, nach seinem eigenen Gesetz zu leben. Daß
ein solcher Anruf aus Scardale kam, bedeutete, daß etwas recht
Außergewöhnliches geschehen sein mußte.
Die Stimme des
Anrufers rutschte ein Intervall tiefer und vermittelte jetzt den
Eindruck, er wolle mit Swindells von Mann zu Mann reden. "Sie müssen
das meiner Frau nachsehen. Sie ist ziemlich aufgeregt. So emotional,
die Frauen, finden Sie nicht auch? Also, ich bin sicher, daß Alison
nichts Schlimmes zugestoßen ist, aber meine Frau bestand darauf, Sie
anzurufen. Ich bin sicher, sie wird jede Minute hier auftauchen, und
ich möchte schließlich auf keinen Fall Ihre Zeit unnötig in Anspruch
nehmen."
"Wenn Sie mich über die Einzelheiten aufklären
könnten, Sir", sagte Swindells gleichgültig und zog seinen Notizblock
näher zu sich heran.
Inspector George Bennett hätte schon
längst zu Haus sein sollen. Es war fast zwanzig Uhr, weit über die Zeit
hinaus, zu der man leitende Kriminalbeamte noch an ihrem Schreibtisch
erwartete. Eigentlich hätte er schon in seinem Sessel sitzen sollen,
die langen Beine vor dem lodernden Kohlenfeuer ausgestreckt, ein gutes
Essen im Bauch und Coronation Street auf dem Fernsehschirm vor ihm.
Während Anne das Geschirr wegräumte und abwusch, ging er dann oft auf
ein Bier und einen Schwatz in den Duke of York oder das Baker's Arms.
Durch nichts konnte man so schnell ein Gefühl für eine Gegend bekommen
wie durch Gespräche an der Bar. Und er brauchte diesen Vorsprung mehr
als irgendein anderer seiner Kollegen, da er erst vor sechs Monaten neu
zugezogen war. Er wußte, daß die Stammgäste ihm nicht genug trauten, um
viel von ihrem Tratsch an ihn weiterzugeben, aber nach und nach fingen
sie an, ihn wie das Mobiliar zu behandeln und zu vergeben und zu
vergessen, daß sein Vater und sein Großvater in einer anderen Ecke der
Grafschaft beim Abendessen zu sitzen pflegten.
Er schaute auf
seine Uhr. Nur wenn er Glück hatte, würde er es heute abend überhaupt
noch zum Pub schaffen. Nicht daß er das als großen Verlust empfunden
hätte. George saß eigentlich nicht gern herum und trank. Wenn er nicht
durch seinen Beruf verpflichtet gewesen wäre, den Geschehnissen in der
Stadt auf der Spur zu bleiben, hätte er wohl die ganze Woche kein Pub
betreten. Er wäre viel lieber mit Anne zu einer der neuen Beatgruppen,
die regelmäßig in den Pavilion Gardens spielten, tanzen oder mit ihr
ins Kino gegangen. Oder einfach zu Hause geblieben. Sie waren seit drei
Monaten verheiratet, und George konnte es immer noch kaum glauben, daß
Anne ihr ganzes Leben mit ihm verbringen wollte. Es war ein Wunder, das
ihm in den schlimmsten Zeiten seiner Arbeit Kraft gab. Bisher hatte
diese eher Einförmigkeit als abscheuliche Verbrechen mit sich gebracht.
Die Ereignisse der nächsten sieben Monate sollten dieses Wunder
allerdings einer härteren Prüfung unterziehen.
An diesem
Abend war der Gedanke an Anne, die strickend vor dem Fernseher saß und
auf seine Rückkehr wartete, jedoch eine viel größere Versuchung als
jedes Glas Bier. George riß einen Zettel von seinem Notizblock ab und
legte ihn, um die Stelle zu markieren, in die Unterlagen, die er
durchgesehen hatte, klappte. die Akte zu und legte sie in seine
Schreibtischschublade. Er drückte seine Gold-Leaf-Zigarette aus, leerte
den Aschenbecher in den Papierkorb beim Schreibtisch, was er immer als
letztes tat, bevor er seinen Trenchcoat und, etwas befangen, den
breitkrempigen Filzhut nahm, mit dem er sich immer ein wenig lächerlich
vorkam. Anne war davon begeistert; sie sagte immer, er sehe damit wie
James Stewart aus. Er selbst fand das nicht. Nur daß er ein längliches
Gesicht und welliges blondes Haar hatte, machte ihn noch nicht zum
Filmstar. Er schlüpfte in den Mantel und bemerkte, daß er jetzt fast zu
eng war wegen des wattierten Futters, das zu kaufen Anne von ihm
verlangt hatte. Obwohl der Mantel über seinen breiten
Kricketspieler-Schultern jetzt ein bißchen spannte, wußte er doch, daß
er froh darum sein würde, sobald er den Hof des Reviers betrat mit dem
beißenden Wind, der vom Moorland herunter immer durch die Straßen
Buxtons zu fegen schien.
Er ließ den Blick ein letztes Mal in
seinem Zimmer umherschweifen, um sicher zu sein, daß er nichts hatte
liegenlassen, was die Augen der Putzfrau nicht sehen sollten, und
schloß die Tür hinter sich. Ein schneller Blick zeigte ihm, daß niemand
mehr im Büro der Kriminalpolizei war, und so ging er noch einmal
zurück, um sich einen kurzen Augenblick der Eitelkeit zu gönnen.
DETECTIVE INSPECTOR G. D. BENNETT stand in weißen Lettern auf einem
kleinen schwarzen Plastikschild. Es war etwas, auf das man stolz sein
konnte, meinte er. Noch nicht dreißig und schon Detective Inspector.
Jede öde Minute der drei Jahre endlosen Büffelns für sein Juraexamen
hatte sich gelohnt, da es ihm den Weg zum schnellen Aufstieg geebnet
hatte. Er war einer der ersten, dem sich nach abgeschlossenem Studium
der neue, beschleunigte Beförderungsweg bei der Polizei in Derbyshire
eröffnet hatte. Jetzt, sieben Jahre nach seinem Amtseid, war er der
jüngste Kriminaloberkommissar, den die Grafschaft je gesehen hatte.
Da niemand da war, der den Mangel würdiger Haltung bei ihm hätte
bemerken können, rannte er schnell die Treppe hinunter. Mit Schwung kam
er durch die Pendeltüren in die Polizeiwache. Drei Köpfe wandten sich
abrupt nach ihm um, als er eintrat. Einen Augenblick wußte George
nicht, warum es so still war. Dann erinnerte er sich. Die halbe Stadt
war beim Gedenkgottesdienst für den kürzlich ermordeten Präsidenten
Kennedy, einer für alle Konfessionen offenen Messe. Man hatte den
ermordeten Staatsmann als Sohn der Stadt adoptiert. Schließlich war JFK
nur Monate vor seinem Tod hier gewesen, um das Grab seiner Schwester zu
besuchen, das nur ein paar Meilen entfernt in Edensor auf dem Gelände
von Chatsworth House lag. Daß eine der Krankenschwestern, die den
Chirurgen bei ihrem erfolglosen Kampf um das Präsidentenleben in einer
Klinik in Dallas beigestanden hatte, aus Buxton war, hatte in den Augen
der Einwohner die Verbundenheit nur noch verstärkt.
"Nichts weiter los hier, Sergeant?" fragte er.
Bob Lucas, der Polizeibeamte vom Dienst, runzelte die Stirn und zuckte
eine Schulter. Er sah auf ein Stück Papier in seiner Hand. "Bis vor
fünf Minuten nicht, Sir." Er richtete sich auf.
"Wahrscheinlich ist es gar nichts", sagte er. "Eins zu hundert, bis wir hinkommen, hat es sich schon erledigt."
"lrgendwas Interessantes?" fragte George beiläufig. Er wollte nicht,
daß Bob Lucas dachte, er sei einer dieser Kriminalkommissare, die ihre
Kollegen in Uniform behandelten, als wären sie die Affen und er der
Drehorgelmann.
"'n Mädchen wird vermißt", sagte Lucas und
streckte ihm den Zettel hin. "Constable Swindells hat gerade den Anruf
angenommen. Er kam direkt, nicht über die Notrufnummer."
George versuchte sich vorzustellen, wo Scardale wohl auf einer Karte
der Umgegend lag. "Haben wir einen Mann dort, Sergeant?" fragte er, um
Zeit zu gewinnen.
"Das ist nicht nötig. Es ist nur ein
Weiler. Höchstens zehn Häuser. Nein, für Scardale ist Peter Grundy in
Longnor zuständig. Es ist nur zwei Meilen von dort. Aber die Mutter
dachte offensichtlich, es sei zu wichtig für Peter."
"Und was denken Sie?" George war vorsichtig.
"Ich glaube, ich sollte den Streifenwagen nehmen, nach Scardale
rausfahren und mit Mrs. Hawkin reden, Sir. Ich hole Peter ab und nehme
ihn mit." Während er sprach, griff Lucas nach seiner Mütze und setzte
sie sich gerade aufs Haar, das fast ebenso schwarz und glänzend war wie
seine Stiefel. Seine roten Wangen sahen aus, als hätte er Pingpongbälle
im Mund. Zusammen mit den glitzernden dunklen Augen und den geraden
schwarzen Augenbrauen gaben sie ihm Ähnlichkeit mit der bunten Puppe
eines Bauchredners. Aber George hatte schon gemerkt, daß Bob Lucas sich
keineswegs von irgend jemandem Worte in den Mund legen ließ. Er wußte,
daß er eine ehrliche Antwort bekommen würde, wenn er Lucas eine Frage
stellte.
"Würde es Sie stören, wenn ich mitkäme?" fragte George.
