Leseprobe
1978, St. Andrews, Schottland
Es war vier Uhr morgens, mitten
im Dezember. Vier verschwommeneSchatten schwankten im Schneesturm, den
der Nordostwind nach Lust und Laune vom Ural her über die Nordsee
trieb. Stolpernd folgten die acht Füße der jungen Männer, die sich
selbst die »Laddies fi’ Kirkcaldy« nannten, dem ihnen vertrauten Pfad.
Sie hatten die Abkürzung über Hallow Hill gewählt, um zum Fife Park zu
kommen, dem modernsten der zur Universität St. Andrews gehörenden
Wohnheime, wo ihre permanent ungemachten Betten mit zerwühlten Laken
und auf den Boden hängenden Decken auf sie warteten.
Das
Gespräch ging um Dinge, die ihnen genauso vertraut waren wie der Weg.
»Ich sag dir, Bowie ist der King«, nuschelte Sigmund Malkiewicz laut,
und sein sonst meist unbewegtes Gesicht war nach den vielen Drinks
entspannter. Ein paar Schritte hinter ihm zerrte Alex Gilbey die Kapuze
seines Parkas enger ums Gesicht und kicherte in sich hinein, denn im
Stillen kannte er die Antwort schon genau.
»Quatsch«, sagte
David Kerr. »Bowie ist doch eine Flasche. Pink Floyd, die können Bowie
jederzeit zeigen, wo’s langgeht. Dark Side of the Moon, das ist
Spitzenklasse. Bowie hat nichts fertig gekriegt, was da rankommt.«
Seine langen dunklen, von den schmelzenden Schneeflocken feuchten
Locken hingen schwer herunter, und er strich sie sich ungeduldig aus
dem Gesicht, das so traurig wie das eines verlassenen Kindes aussah.
Und wieder legten sie los. Wie Hexenmeister, die sich mit
Zaubersprüchen bekriegen, warfen Sigmund und Davey einander Songtitel,
Textzeilen und Fetzen von Melodien in einem Streitritual zu, das sich
schon über die letzten sechs oder sieben Jahre erstreckte. Es war ihnen
egal, dass die Musik, bei der heute die Fenster ihrer Studentenbuden
klirrten, eher von The Clash, The Jam oder The Skids kam. Selbst ihre
Spitznamen zeugten noch von ihrer früheren Leidenschaft. Vom ersten
Nachmittag an, an dem sie sich nach der Schule in Alex’ Zimmer
versammelt hatten, um sich sein frisch erworbenes Album Ziggy Stardust
and the Spiders from Mars anzuhören, war es unvermeidlich gewesen, dass
der charismatische Sigmund, der ausgestoßene Messias, für alle Zeiten
Ziggy heißen würde. Und die anderen würden sich mit den Spiders
zufrieden geben müssen. Alex nannte man Gilly, obwohl er sich gegen
diesen läppischen Namen wehrte, der für jemanden mit dem stämmigen
Körperbau eines Rugbyspielers nicht passte. Aber über seinen
Familiennamen, den er nun mal zufällig hatte, ließ sich kaum streiten.
Und keiner zweifelte auch nur einen Moment daran, dass für das vierte
Mitglied ihrer Gruppe nur Weird – der komische Kauz – in Frage kam.
Denn seltsam war dieser Tom Mackie, daran ließ sich nicht deuteln. Als
der Größte seines Jahrgangs sah er mit seinen langen, schlaksigen
Gliedern absonderlich aus, was zu seiner Persönlichkeit passte, denn er
hatte eine Vorliebe fürs Ausgefallene.
Dann blieb nur noch
Davey übrig, ein treuer Pink-Floyd-Anhänger, der sich hartnäckig
weigerte, einen Spitznamen aus dem Bowie-Spektrum anzunehmen. Eine
Weile hatte er sich widerstrebend Pink nennen lassen, aber als sie zum
ersten Mal »Shine on, You Crazy Diamond« hörten, gab es keine weitere
Diskussion mehr. Davey war eben einfach der Crazy Diamond, er sprühte
unerwartet Feuer in alle Richtungen, war aber außerhalb seiner
gewohnten Umgebung gereizt und empfindlich. Aus Diamond wurde bald
Mondo, und der Name Mondo Davey Kerr blieb ihm für den Rest des
Schuljahres und bis zur Universität erhalten.
Alex schüttelte
verwundert den Kopf. Obwohl er nach viel zu viel Bier benebelt war,
fragte er sich, was ihre Viererbande all diese Jahre zusammengehalten
hatte. Schon beim Gedanken daran stieg eine Wärme in ihm auf, die der
heftigen Kälte entgegenwirkte, als er plötzlich über eine hoch stehende
Wurzel stolperte, die unter der weichen Schneedecke verborgen lag.
»Scheiße«, murmelte er und rempelte Weird an, der ihm einen gutmütigen
Schubs gab, so dass Alex strauchelnd nach vorn schoss. Er versuchte mit
den Armen fuchtelnd das Gleichgewicht zu halten, ließ sich dann vom
Schwung weiter torkelnd den Hang hinauftragen, wobei der kalte Schnee
auf seinen geröteten Wangen ihn wach machte. Als er die Kuppe
erreichte, sanken seine Beine plötzlich in eine unerwartete Mulde, und
er fiel kopfüber hinein.
Aber sein Sturz wurde von etwas
Weichem gebremst. Alex versuchte verzweifelt sich aufzusetzen und
drückte gegen das, worauf er gefallen war. Er spuckte den Schnee aus,
rieb sich mit kribbelnden Fingern die Augen und schnaufte durch die
Nase, um die eiskalten schmelzenden Flocken loszuwerden. Als er sich
umsah, was ihn so weich hatte fallen lassen, erschienen gerade die
Köpfe seiner Kameraden am Abhang, die über seine absurde Lage grinsten.
Selbst in dem unheimlichen, schwachen Licht auf dem Schnee
konnte er erkennen, dass das Hindernis, das seinen Sturz gebremst
hatte, nichts Pflanzliches war. Der Umriss eines menschlichen Körpers
war unverkennbar. Die schweren weißen Flocken begannen zu schmelzen,
sobald sie auftrafen, und so konnte Alexander sehen, dass es eine Frau
war, deren nasse dunkle Haarsträhnen sich auf dem Schnee wie die Locken
der Medusa ausbreiteten. Ihr Rock war bis zur Taille hochgeschoben,
ihre schwarzen, bis zu den Knien reichenden Stiefel sahen deshalb an
den weißen Beinen umso unpassender aus. Er sah merkwürdige dunkle
Flecken auf ihrer Haut, und die helle Bluse klebte eng an ihrer Brust.
Alex starrte eine Weile darauf, ohne etwas zu begreifen, dann
betrachtete er seine Hände und sah dieselben dunklen Flecken auf seiner
eigenen Haut. Blut. In dem Augenblick, als der Schnee in seinen Ohren
schmolz und er ihr schwaches röchelndes Atmen hörte, kam ihm die
Erkenntnis.
»Guter Gott«, stotterte Alex und versuchte vor
dem entsetzlichen Fund zurückzuweichen. Aber er stieß immer wieder an
etwas, das sich wie eine niedrige Steinmauer anfühlte, als er rückwärts
kriechen wollte. »Mein Gott.« Er sah verzweifelt hoch, als könne der
Anblick seiner Freunde den Bann brechen und all dies verschwinden
lassen. Dann schaute er auf das entsetzliche Bild im Schnee zurück. Es
war nicht die Halluzination eines Betrunkenen. Es war Realität. Er
wandte sich an seine Freunde. »Hier oben liegt ein Mädchen«, rief er.
