Leseprobe
Jane Gresham starrte auf das, was sie geschrieben hatte, hinunter und
strich es dann mit einem ungeduldigen Federstrich so heftig durch, dass
das Papier zerriss. Dieser Scheiß-Jake, dachte sie wütend. Sie war doch
erwachsen, kein verliebter Teenager. Und pseudolyrische Ergüsse waren
etwas, das sie schon seit Jahren hinter sich haben sollte. Sie konnte
sich selbst gut genug einschätzen, dass ihr bereits bei ihrem ersten
Uniexamen klar gewesen war, eine Dichterin würde sie nie sein. Sie war
gut im Studium von Gedichten anderer, im Interpretieren ihrer Werke,
den thematischen Zusammenhängen ihrer Verse, und konnte sie in ihrer
Komplexität anderen zugänglich machen, denen sie, so hoffte sie
jedenfalls, darin einige Schritte voraus war. »Gemeiner Kerl«, sagte
sie laut, zerknüllte das Blatt und warf es in den Papierkorb. Er
verdiente es nicht, dass sie sich seinetwegen den Kopf zerbrach. Und
genauso wenig hatte er den ihr so vertrauten Schmerz verdient, der sie
bei dem Gedanken an ihn ergriff.
Sie wollte nicht mehr an Jake denken und wandte sich in dem engen
Zimmer, das die Wohnungsbehörde zwar als Schlafzimmer einstufte, das
sie aber in bewusster Anmaßung ihr Arbeitszimmer nannte, einem Stoß CDs
neben dem Schreibtisch zu. Sie las die Titel und fing bei der Suche
nach einem Song, der sie nicht an ihn erinnerte, absichtlich am unteren
Ende an. Was war er eigentlich? Ihr Ex? Ihr ehemaliger Liebhaber? Ihr
zeitweilig nicht verfügbarer Lover?
Wer wusste das? Sie
jedenfalls nicht. Und sie hatte wirklich Zweifel daran, dass er nach
einer Woche überhaupt noch einen Gedanken an sie verschwenden würde.
Leise vor sich hin murmelnd, zog sie Nick Caves Murder Ballads heraus
und legte sie ins CD-Laufwerk ihres Computers. Die dunkel grollende
Stimme passte so gut zu ihrer Stimmung, dass sie paradoxerweise wie ein
Gegenmittel wirkte. Unwillkürlich lächelte Jane.
Sie nahm das
Buch, das sie hatte lesen wollen, bevor Jake Hartnell sie abgelenkt
hatte. Aber sie brauchte nur ein paar Minuten, bis ihr klar wurde, wie
weit sie in Gedanken davon entfernt war. Ärgerlich über sich selbst
schlug sie heftig das Buch zu. Wordsworths Briefe von 1807 würden eben
warten müssen.
Bevor sie sich entschieden hatte, was sie als Nächstes in Angriff nehmen wollte, klingelte der Wecker ihres Mobiltelefons.
Jane runzelte die Stirn und verglich die Zeit auf ihrem Telefon mit der
auf ihrer Uhr. »Verflixt«, sagte sie. Wie war es möglich, dass es schon
nach halb zwölf war? Wo war der Morgen geblieben?
»Scheiß-Jake«, sagte sie wieder, sprang auf und schaltete den Computer
ab. So viel Zeit mit dem Gedanken an ihn zu vertrödeln, wo es doch
bessere Dinge gab, auf die man sich stürzen konnte. Sie griff nach
ihrer Tasche und ging ins andere Zimmer. Offiziell war dies ihr
Wohnzimmer, aber Jane nutzte es als Wohn-/Schlafraum, weil sie lieber
einen Raum ausschließlich zum Arbeiten haben wollte. Dadurch war der
Rest der Wohnung etwas beengt, aber sie fand, das war kein zu hoher
Preis dafür, dass sie einen Platz hatte, wo sie ihre Bücher und Papiere
liegen lassen konnte, ohne jedes Mal alles wegräumen zu müssen, wenn
sie essen oder zu Bett gehen wollte.
Das kleine Zimmer bot
selbst für ihren spartanischen Lebensstil kaum genug Raum. Ihre
Bettcouch nahm den meisten Platz ein, obwohl sie jetzt zusammengeklappt
war. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Tisch mit drei darunter
geschobenen Stühlen. Ein kleiner Fernseher war hoch oben auf einem
Wandarm montiert, und ein Knautschsessel lag ganz hinten in der Ecke.
Aber mit dem frischen lindgrünen Anstrich wirkte das Zimmer hell und
freundlich. Der Couch gegenüber hingen einige farbige Digitalfotos vom
Lake District, die auf A3-Format vergrößert und laminiert waren. Mitten
in der Landschaft lag Greshams Farm, wo ihre Familie, so weit man
zurückdenken konnte, ihr mageres Auskommen gefunden hatte. Egal, wie es
draußen vor den Fenstern aussah, Jane konnte morgens in der Welt
aufwachen, in der sie aufgewachsen war und die ihr immer noch an jedem
einzelnen Tag ihres Stadtlebens fehlte.
Sie zog ihre
Freizeithose und ihr Oberteil aus Fleecestoff aus und eine enge
schwarze Jeans und ein schwarzes Stretchtop mit spitzem Ausschnitt an,
das ihre ansehnlichen Brüste betonte.
Es war keineswegs ihre
Lieblingskleidung, aber die Erfahrung hatte ihr gezeigt, dass sie mehr
Trinkgelder von den Gästen bekam, wenn sie ihre Vorzüge unterstrich.
Glücklicherweise wirkte sie dank ihres dunklen Teints in schwarzer
Kleidung nicht sterbenskrank, und ihr Kollege Harry hatte ihr
versichert, dass sie in dem engen Top nicht so plump aussah, wie sie
sich vorkam. Nach einem Blick aus dem Fenster auf das Wetter nahm sie
ihre Regenjacke vom Haken, streifte sie über und eilte zur Wohnungstür.
Es war ihr egal, dass sie alles andere als chic aussah, bei diesem
Platzregen war es ihr wichtiger, trocken und warm zur Arbeit zu kommen.
Jane warf wie immer einen letzten Blick auf die Ansichten vom Lake District, bevor sie in eine völlig andere Welt hinausging.
Sie glaubte nicht, dass irgendjemand in Fellhead sich ihre jetzige
Umgebung vorstellen konnte, nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen.
Als sie ihrer Mutter gesagt hatte, dass ihr eine Sozialwohnung in der
Marshpool-Farm-Siedlung zugeteilt worden sei, hatte Judy Gresham
gestrahlt.
»Das ist aber schön, Schatz«, sagte sie. »Ich wusste gar nicht, dass es in London Farmen gibt.«
Jane schüttelte resigniert, aber zugleich amüsiert den Kopf.
»Es gibt dort seit Ewigkeiten keine Farm mehr, Mum. Es ist eine
Wohnsiedlung aus den sechziger Jahren. Beton so weit das Auge reicht.«
Enttäuschung trat auf das Gesicht ihrer Mutter. »Ach. Na ja, wenigstens hast du ein Dach über dem Kopf.«
Dabei beließen sie es. Jane kannte ihre Mutter gut genug, um sich
darüber klar zu sein, dass sie die Wahrheit gar nicht wissen wollte.
Jane erfüllte nämlich so wenige der erforderlichen Bedingungen, dass
die einzige Wohnung, die die Wohnungsbehörde ihr anbieten würde, genau
einer solchen Behausung entsprach, in der sie gelandet war. Ein
Hasenstall, für den kaum ein Mieter zu fi nden war, in einer
heruntergekommenen Siedlung im East End, wo fast niemand legale Arbeit
hatte, wo Tag und Nacht die Kinder ohne Aufsicht herumtobten und wo es
mehr gebrauchte Kondome und Spritzen gab als Grashalme. Nein, Judy
Gresham würde sich auf keinen Fall vorstellen wollen, dass ihre Tochter
an einem solchen Ort lebte. Von allem anderen abgesehen, würde es ja
auch die Möglichkeiten sehr einschränken, mit Jane und ihrem Erfolg
anzugeben.
Aber ihrem Bruder Matthew hatte sie es erzählt.
Alles war ihr recht, um die Bitterkeit zu dämpfen, die er empfand, weil
sie diejenige war, die es geschafft hatte, wegzugehen, während er, wie
er sich ausdrückte, im hinterletzten Kaff verschimmelte, wo ja wegen
der Eltern jemand bleiben musste.
Es spielte dabei keine
Rolle, dass er als der Ältere zuerst ausgeflogen war, studiert und dann
beschlossen hatte, zu der Arbeit zurückzukommen, die er sich immer
schon gewünscht hatte. Matthew, dachte Jane, war einfach schon
beleidigt zur Welt gekommen.
Das Ironische daran war, dass
Jane London sofort gegen Fellhead eingetauscht hätte, wenn sie dort die
geringste Chance gehabt hätte, der Arbeit nachzugehen, die sie liebte.
Aber es gab im Lake District keine Stellen für Akademiker, nicht einmal
für eine Wordsworth-Spezialistin wie sie. Höchstens wenn sie die streng
wissenschaftliche Forschung gegen Vorträge in Schulen über die Dichter
des Lakeland eingetauscht hätte. Doch bestimmt hätte nichts anderes
ihre Liebe zum Wort schneller zerstört. Also saß sie hier im
schlimmsten städtischen Inferno fest. Jane drückte das Kinn auf die
Brust, als sie über die Galerie zum Treppenhaus ging. Die Bauweise
ihres Blocks konnte sie nur einer bösartigen Laune des Architekten
zuschreiben, denn der Wind aus der meistens vorherrschenden Richtung
pfiff so über die Fußwege, dass einem selbst die sanfteste Sommerbrise
stürmisch und unangenehm vorkam. An diesem regnerischen Herbsttag fegte
der Wind in jede Ecke und jeden Winkel des Gebäudes und drang in die
Kleider der Bewohner, die sich aus ihren Wohnungen herauswagten.
Jane wandte sich dem Treppenhaus zu und hatte kurz Ruhe vor ihm. Mit
dem Aufzug fahren zu wollen war sinnlos. Sie ignorierte die Graffi ti
mit den vielen Rechtschreibfehlern, die unappetitlichen Abfallhäufchen,
die vom Wind in die Ecken geweht worden waren, und den Gestank von
Fäulnis und Urin und ging die Treppe hinunter. An der ersten Biegung
drehte es Jane fast den Magen um. Der Anblick war ihr so vertraut, dass
sie eigentlich daran hätte gewöhnt sein müssen, aber jedesmal, wenn sie
die kleine Gestalt im wackeligen Lotossitz drei Stockwerke höher auf
dem schmalen Treppengeländer sitzen sah, zitterten ihr die Knie.
»He, Jane«, rief die kleine Gestalt leise.
»Hallo, Tenille«, antwortete Jane und zwang sich trotz ihrer Angst zu einem Lächeln.
Tenille streckte die Beine aus und ließ sich mit todesverachtender Lässigkeit auf den feuchten Beton neben Jane gleiten.
»Weißte was Neues?«, fragte die Dreizehnjährige, während sie neben ihr herging.
»Ich weiß nur, dass ich zu spät zur Arbeit komme, wenn ich mich nicht
beeile«, sagte Jane, beschleunigte ihre Schritte und lief die Treppe
hinunter. Tenille ging genauso schnell, und ihre langen Dreadlocks
hüpften auf ihren schmalen Schultern.
»Ich komm mit«, sagte
Tenille und versuchte mit recht kümmerlichem Erfolg den großspurigen
Gang der kleinen Gangster nachzuahmen, die sich im Labyrinth dieser
trostlosen Siedlung herumtrieben und ihr Gewerbe von älteren Brüdern,
Cousins oder sonst irgendjemandem lernten, der es geschafft hatte,
lange genug außerhalb der Knastmauern zu bleiben, um es ihnen
beizubringen.
»Ich hör mich nicht gern wie ’ne alte spießige
Nervensäge an, Tenille, aber solltest du nicht in der Schule sein?« Es
war Janes üblicher Spruch, und sie wusste die Antwort schon im Voraus.
»Die Lehrer ham mir nix zu sagen«, antwortete Tenille automatisch und
machte noch größere Schritte, um mit Jane mithalten zu können, als sie
die Straße erreichten. »Was wissen die schon von meinem Leben?«
Jane seufzte. »Ich hab’s so satt, Tenille, immer wieder das Gleiche von
dir zu hören. Du bist doch viel zu intelligent, um dich mit dem Mist
abzufi nden, der auf dich zukommt, wenn du keine Ausbildung hast.«
Tenille steckte die Hände in die Taschen ihrer dünnen Jacke aus Lederimitat und zuckte abwehrend die schmalen Schultern.
»Ach, scheiß drauf«, sagte sie. »Ich will doch kein Brutkasten für so
’n kleenen Scheißer sein. So ’n Baby-Mamma-Drama is nix für Tenille.«
Sie passierten einen Durchgang unter dem Wohnblock und kamen neben
einer Schnellstraße wieder heraus, wo Autos vorbeirasten, deren Fahrer
sich freuten, endlich aus dem zweiten Gang hochschalten zu können,
sodass die Reifen auf dem nassen Asphalt zischten. »Schwer, sich
vorzustellen, wie du das vermeiden willst, wenn du deinen Kopf nicht
anstrengst «, sagte Jane trocken und hielt gebührenden Abstand von der
Straße und den vorbeifahrenden, spritzenden Fahrzeugen.
»Ich will so sein wie du, Jane.« Dies war ein Wunsch, den Jane schon unzählige Male von Tenille gehört hatte.
»Dann geh in die Schule«, sagte sie und versuchte, ihre Frustration zu verbergen.
»Ich hasse das sinnlose Zeug, was wir dort machen müssen«, sagte
Tenille und verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen, das ihr
unbefangenes nettes Gesicht zu einer starren verächtlichen Maske
machte. »Es ist nicht so wie die Sachen, die du mir zu lesen gibst.«
Ihre Ausdrucksweise hatte sich vom Straßenslang zu vorschriftsmäßigem
Englisch gewandelt, als erlaube ihr das Verlassen der Siedlung, ihre
Rolle abzustreifen und sich als normaler Mensch zu geben.
»Das ist mir klar. Aber auch ich habe mein Ziel noch nicht erreicht,
weißt du. Als ich angefangen habe, wollte ich eigentlich nicht in Bars
und Seminarräumen jobben, während ich mein Buch schreibe, damit ich
eine richtige Stelle bekommen kann. Aber um auch nur so weit zu kommen,
musste ich den gleichen Mist durchmachen. Und es stimmt, ich betrachte
den größten Teil davon als Mist«, fuhr sie fort und übertönte damit,
was immer Tenille noch hatte einwenden wollen. Sie wünschte, sie könnte
ihr etwas anderes als Plattitüden bieten, aber sie wusste nicht, was
sie einer dreizehnjährigen Waise mit dunkler Haut sagen sollte, die
Wordsworth, Coleridge, Shelley und De Quincey nicht nur verehrte,
sondern auch die Bedeutung ihrer Werke mit einer Leichtigkeit erfasste,
die zu erreichen Jane selbst zehn Jahre konzentrierten Studiums
gekostet hatte.
Tenille wich einem Kinderwagen aus, in dem
ein Kleinkind mit schokoladebeschmiertem Mondgesicht und einem
Schnuller im Mund lag, der wie ein Stöpsel die Luft zu stoppen schien,
damit die dicken Backen aufgeblasen blieben.
Die junge Frau,
die den Kinderwagen schob, wirkte nicht viel älter als Tenille. »So was
schaff ich einfach nicht, Jane«, sagte Tenille niedergeschlagen.
»Vielleicht könnte ich irgendwas anderes mit Versen machen. Rappen wie
Ms. Dynamite«, fügte sie hinzu, klang aber nicht sehr überzeugt.
Sie wussten beide, dass es nie so weit kommen würde. Außer wenn jemand
eine Droge zur Hebung des Selbstbewusstseins erfände, die Jane ihr
spritzen könnte, bevor sie dem Heroin verfiel, das die halbe Siedlung
als Beruhigungsmittel zu nehmen schien. Jane blieb an der
Bushaltestelle stehen und wandte sich Tenille zu. »Niemand kann dir die
Worte in deinem
Kopf wegnehmen«, sagte sie.
Tenille
zupfte an einem abgekauten Fingernagel und starrte auf den Gehweg.
»Meinst du, das weiß ich nicht?«, schrie sie beinahe. »Wie sonst meinst
du, verdammt noch mal, schaffe ich es, zu überleben?« Plötzlich drehte
sie sich auf den Fußballen um, lief weg und sprang mit überraschend
eleganten Bewegungen wie eine Gazelle den unebenen Bürgersteig entlang.
Sie verschwand in einer Gasse, und Jane empfand die gewohnte Mischung aus herzlicher Zuneigung und Frust.
