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Cover
VERLAG
Knaur TB
SEITENZAHL
544
AUSSTATTUNG
TB
PREIS
EUR (D) 9,95
ISBN
3-426-63515-1
ISBN-13
978-3-426-63515-5
ERSCHEINUNGSTERMIN
01.02.2008

Dieses Buch ist lieferbar.

 

Leseprobe





Jane Gresham starrte auf das, was sie geschrieben hatte, hinunter und strich es dann mit einem ungeduldigen Federstrich so heftig durch, dass das Papier zerriss. Dieser Scheiß-Jake, dachte sie wütend. Sie war doch erwachsen, kein verliebter Teenager. Und pseudolyrische Ergüsse waren etwas, das sie schon seit Jahren hinter sich haben sollte. Sie konnte sich selbst gut genug einschätzen, dass ihr bereits bei ihrem ersten Uniexamen klar gewesen war, eine Dichterin würde sie nie sein. Sie war gut im Studium von Gedichten anderer, im Interpretieren ihrer Werke, den thematischen Zusammenhängen ihrer Verse, und konnte sie in ihrer Komplexität anderen zugänglich machen, denen sie, so hoffte sie jedenfalls, darin einige Schritte voraus war. »Gemeiner Kerl«, sagte sie laut, zerknüllte das Blatt und warf es in den Papierkorb. Er verdiente es nicht, dass sie sich seinetwegen den Kopf zerbrach. Und genauso wenig hatte er den ihr so vertrauten Schmerz verdient, der sie bei dem Gedanken an ihn ergriff.

Sie wollte nicht mehr an Jake denken und wandte sich in dem engen Zimmer, das die Wohnungsbehörde zwar als Schlafzimmer einstufte, das sie aber in bewusster Anmaßung ihr Arbeitszimmer nannte, einem Stoß CDs neben dem Schreibtisch zu. Sie las die Titel und fing bei der Suche nach einem Song, der sie nicht an ihn erinnerte, absichtlich am unteren Ende an. Was war er eigentlich? Ihr Ex? Ihr ehemaliger Liebhaber? Ihr zeitweilig nicht verfügbarer Lover?

Wer wusste das? Sie jedenfalls nicht. Und sie hatte wirklich Zweifel daran, dass er nach einer Woche überhaupt noch einen Gedanken an sie verschwenden würde. Leise vor sich hin murmelnd, zog sie Nick Caves Murder Ballads heraus und legte sie ins CD-Laufwerk ihres Computers. Die dunkel grollende Stimme passte so gut zu ihrer Stimmung, dass sie paradoxerweise wie ein Gegenmittel wirkte. Unwillkürlich lächelte Jane.

Sie nahm das Buch, das sie hatte lesen wollen, bevor Jake Hartnell sie abgelenkt hatte. Aber sie brauchte nur ein paar Minuten, bis ihr klar wurde, wie weit sie in Gedanken davon entfernt war. Ärgerlich über sich selbst schlug sie heftig das Buch zu. Wordsworths Briefe von 1807 würden eben warten müssen.

Bevor sie sich entschieden hatte, was sie als Nächstes in Angriff nehmen wollte, klingelte der Wecker ihres Mobiltelefons.

Jane runzelte die Stirn und verglich die Zeit auf ihrem Telefon mit der auf ihrer Uhr. »Verflixt«, sagte sie. Wie war es möglich, dass es schon nach halb zwölf war? Wo war der Morgen geblieben?

»Scheiß-Jake«, sagte sie wieder, sprang auf und schaltete den Computer ab. So viel Zeit mit dem Gedanken an ihn zu vertrödeln, wo es doch bessere Dinge gab, auf die man sich stürzen konnte. Sie griff nach ihrer Tasche und ging ins andere Zimmer. Offiziell war dies ihr Wohnzimmer, aber Jane nutzte es als Wohn-/Schlafraum, weil sie lieber einen Raum ausschließlich zum Arbeiten haben wollte. Dadurch war der Rest der Wohnung etwas beengt, aber sie fand, das war kein zu hoher Preis dafür, dass sie einen Platz hatte, wo sie ihre Bücher und Papiere liegen lassen konnte, ohne jedes Mal alles wegräumen zu müssen, wenn sie essen oder zu Bett gehen wollte.

Das kleine Zimmer bot selbst für ihren spartanischen Lebensstil kaum genug Raum. Ihre Bettcouch nahm den meisten Platz ein, obwohl sie jetzt zusammengeklappt war. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Tisch mit drei darunter geschobenen Stühlen. Ein kleiner Fernseher war hoch oben auf einem Wandarm montiert, und ein Knautschsessel lag ganz hinten in der Ecke. Aber mit dem frischen lindgrünen Anstrich wirkte das Zimmer hell und freundlich. Der Couch gegenüber hingen einige farbige Digitalfotos vom Lake District, die auf A3-Format vergrößert und laminiert waren. Mitten in der Landschaft lag Greshams Farm, wo ihre Familie, so weit man zurückdenken konnte, ihr mageres Auskommen gefunden hatte. Egal, wie es draußen vor den Fenstern aussah, Jane konnte morgens in der Welt aufwachen, in der sie aufgewachsen war und die ihr immer noch an jedem einzelnen Tag ihres Stadtlebens fehlte.

Sie zog ihre Freizeithose und ihr Oberteil aus Fleecestoff aus und eine enge schwarze Jeans und ein schwarzes Stretchtop mit spitzem Ausschnitt an, das ihre ansehnlichen Brüste betonte.

Es war keineswegs ihre Lieblingskleidung, aber die Erfahrung hatte ihr gezeigt, dass sie mehr Trinkgelder von den Gästen bekam, wenn sie ihre Vorzüge unterstrich. Glücklicherweise wirkte sie dank ihres dunklen Teints in schwarzer Kleidung nicht sterbenskrank, und ihr Kollege Harry hatte ihr versichert, dass sie in dem engen Top nicht so plump aussah, wie sie sich vorkam. Nach einem Blick aus dem Fenster auf das Wetter nahm sie ihre Regenjacke vom Haken, streifte sie über und eilte zur Wohnungstür. Es war ihr egal, dass sie alles andere als chic aussah, bei diesem Platzregen war es ihr wichtiger, trocken und warm zur Arbeit zu kommen.

Jane warf wie immer einen letzten Blick auf die Ansichten vom Lake District, bevor sie in eine völlig andere Welt hinausging.

Sie glaubte nicht, dass irgendjemand in Fellhead sich ihre jetzige Umgebung vorstellen konnte, nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen. Als sie ihrer Mutter gesagt hatte, dass ihr eine Sozialwohnung in der Marshpool-Farm-Siedlung zugeteilt worden sei, hatte Judy Gresham gestrahlt.

»Das ist aber schön, Schatz«, sagte sie. »Ich wusste gar nicht, dass es in London Farmen gibt.«

Jane schüttelte resigniert, aber zugleich amüsiert den Kopf.

»Es gibt dort seit Ewigkeiten keine Farm mehr, Mum. Es ist eine Wohnsiedlung aus den sechziger Jahren. Beton so weit das Auge reicht.«

Enttäuschung trat auf das Gesicht ihrer Mutter. »Ach. Na ja, wenigstens hast du ein Dach über dem Kopf.«

Dabei beließen sie es. Jane kannte ihre Mutter gut genug, um sich darüber klar zu sein, dass sie die Wahrheit gar nicht wissen wollte. Jane erfüllte nämlich so wenige der erforderlichen Bedingungen, dass die einzige Wohnung, die die Wohnungsbehörde ihr anbieten würde, genau einer solchen Behausung entsprach, in der sie gelandet war. Ein Hasenstall, für den kaum ein Mieter zu fi nden war, in einer heruntergekommenen Siedlung im East End, wo fast niemand legale Arbeit hatte, wo Tag und Nacht die Kinder ohne Aufsicht herumtobten und wo es mehr gebrauchte Kondome und Spritzen gab als Grashalme. Nein, Judy Gresham würde sich auf keinen Fall vorstellen wollen, dass ihre Tochter an einem solchen Ort lebte. Von allem anderen abgesehen, würde es ja auch die Möglichkeiten sehr einschränken, mit Jane und ihrem Erfolg anzugeben.

Aber ihrem Bruder Matthew hatte sie es erzählt. Alles war ihr recht, um die Bitterkeit zu dämpfen, die er empfand, weil sie diejenige war, die es geschafft hatte, wegzugehen, während er, wie er sich ausdrückte, im hinterletzten Kaff verschimmelte, wo ja wegen der Eltern jemand bleiben musste.

Es spielte dabei keine Rolle, dass er als der Ältere zuerst ausgeflogen war, studiert und dann beschlossen hatte, zu der Arbeit zurückzukommen, die er sich immer schon gewünscht hatte. Matthew, dachte Jane, war einfach schon beleidigt zur Welt gekommen.

Das Ironische daran war, dass Jane London sofort gegen Fellhead eingetauscht hätte, wenn sie dort die geringste Chance gehabt hätte, der Arbeit nachzugehen, die sie liebte.

Aber es gab im Lake District keine Stellen für Akademiker, nicht einmal für eine Wordsworth-Spezialistin wie sie. Höchstens wenn sie die streng wissenschaftliche Forschung gegen Vorträge in Schulen über die Dichter des Lakeland eingetauscht hätte. Doch bestimmt hätte nichts anderes ihre Liebe zum Wort schneller zerstört. Also saß sie hier im schlimmsten städtischen Inferno fest. Jane drückte das Kinn auf die Brust, als sie über die Galerie zum Treppenhaus ging. Die Bauweise ihres Blocks konnte sie nur einer bösartigen Laune des Architekten zuschreiben, denn der Wind aus der meistens vorherrschenden Richtung pfiff so über die Fußwege, dass einem selbst die sanfteste Sommerbrise stürmisch und unangenehm vorkam. An diesem regnerischen Herbsttag fegte der Wind in jede Ecke und jeden Winkel des Gebäudes und drang in die Kleider der Bewohner, die sich aus ihren Wohnungen herauswagten.

Jane wandte sich dem Treppenhaus zu und hatte kurz Ruhe vor ihm. Mit dem Aufzug fahren zu wollen war sinnlos. Sie ignorierte die Graffi ti mit den vielen Rechtschreibfehlern, die unappetitlichen Abfallhäufchen, die vom Wind in die Ecken geweht worden waren, und den Gestank von Fäulnis und Urin und ging die Treppe hinunter. An der ersten Biegung drehte es Jane fast den Magen um. Der Anblick war ihr so vertraut, dass sie eigentlich daran hätte gewöhnt sein müssen, aber jedesmal, wenn sie die kleine Gestalt im wackeligen Lotossitz drei Stockwerke höher auf dem schmalen Treppengeländer sitzen sah, zitterten ihr die Knie.

»He, Jane«, rief die kleine Gestalt leise.

»Hallo, Tenille«, antwortete Jane und zwang sich trotz ihrer Angst zu einem Lächeln.

Tenille streckte die Beine aus und ließ sich mit todesverachtender Lässigkeit auf den feuchten Beton neben Jane gleiten.

»Weißte was Neues?«, fragte die Dreizehnjährige, während sie neben ihr herging.

»Ich weiß nur, dass ich zu spät zur Arbeit komme, wenn ich mich nicht beeile«, sagte Jane, beschleunigte ihre Schritte und lief die Treppe hinunter. Tenille ging genauso schnell, und ihre langen Dreadlocks hüpften auf ihren schmalen Schultern.

»Ich komm mit«, sagte Tenille und versuchte mit recht kümmerlichem Erfolg den großspurigen Gang der kleinen Gangster nachzuahmen, die sich im Labyrinth dieser trostlosen Siedlung herumtrieben und ihr Gewerbe von älteren Brüdern, Cousins oder sonst irgendjemandem lernten, der es geschafft hatte, lange genug außerhalb der Knastmauern zu bleiben, um es ihnen beizubringen.

»Ich hör mich nicht gern wie ’ne alte spießige Nervensäge an, Tenille, aber solltest du nicht in der Schule sein?« Es war Janes üblicher Spruch, und sie wusste die Antwort schon im Voraus.

»Die Lehrer ham mir nix zu sagen«, antwortete Tenille automatisch und machte noch größere Schritte, um mit Jane mithalten zu können, als sie die Straße erreichten. »Was wissen die schon von meinem Leben?«

Jane seufzte. »Ich hab’s so satt, Tenille, immer wieder das Gleiche von dir zu hören. Du bist doch viel zu intelligent, um dich mit dem Mist abzufi nden, der auf dich zukommt, wenn du keine Ausbildung hast.«

Tenille steckte die Hände in die Taschen ihrer dünnen Jacke aus Lederimitat und zuckte abwehrend die schmalen Schultern.

»Ach, scheiß drauf«, sagte sie. »Ich will doch kein Brutkasten für so ’n kleenen Scheißer sein. So ’n Baby-Mamma-Drama is nix für Tenille.«

Sie passierten einen Durchgang unter dem Wohnblock und kamen neben einer Schnellstraße wieder heraus, wo Autos vorbeirasten, deren Fahrer sich freuten, endlich aus dem zweiten Gang hochschalten zu können, sodass die Reifen auf dem nassen Asphalt zischten. »Schwer, sich vorzustellen, wie du das vermeiden willst, wenn du deinen Kopf nicht anstrengst «, sagte Jane trocken und hielt gebührenden Abstand von der Straße und den vorbeifahrenden, spritzenden Fahrzeugen.

»Ich will so sein wie du, Jane.« Dies war ein Wunsch, den Jane schon unzählige Male von Tenille gehört hatte.

»Dann geh in die Schule«, sagte sie und versuchte, ihre Frustration zu verbergen.

»Ich hasse das sinnlose Zeug, was wir dort machen müssen«, sagte Tenille und verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen, das ihr unbefangenes nettes Gesicht zu einer starren verächtlichen Maske machte. »Es ist nicht so wie die Sachen, die du mir zu lesen gibst.« Ihre Ausdrucksweise hatte sich vom Straßenslang zu vorschriftsmäßigem Englisch gewandelt, als erlaube ihr das Verlassen der Siedlung, ihre Rolle abzustreifen und sich als normaler Mensch zu geben.

»Das ist mir klar. Aber auch ich habe mein Ziel noch nicht erreicht, weißt du. Als ich angefangen habe, wollte ich eigentlich nicht in Bars und Seminarräumen jobben, während ich mein Buch schreibe, damit ich eine richtige Stelle bekommen kann. Aber um auch nur so weit zu kommen, musste ich den gleichen Mist durchmachen. Und es stimmt, ich betrachte den größten Teil davon als Mist«, fuhr sie fort und übertönte damit, was immer Tenille noch hatte einwenden wollen. Sie wünschte, sie könnte ihr etwas anderes als Plattitüden bieten, aber sie wusste nicht, was sie einer dreizehnjährigen Waise mit dunkler Haut sagen sollte, die Wordsworth, Coleridge, Shelley und De Quincey nicht nur verehrte, sondern auch die Bedeutung ihrer Werke mit einer Leichtigkeit erfasste, die zu erreichen Jane selbst zehn Jahre konzentrierten Studiums gekostet hatte.

Tenille wich einem Kinderwagen aus, in dem ein Kleinkind mit schokoladebeschmiertem Mondgesicht und einem Schnuller im Mund lag, der wie ein Stöpsel die Luft zu stoppen schien, damit die dicken Backen aufgeblasen blieben.

Die junge Frau, die den Kinderwagen schob, wirkte nicht viel älter als Tenille. »So was schaff ich einfach nicht, Jane«, sagte Tenille niedergeschlagen. »Vielleicht könnte ich irgendwas anderes mit Versen machen. Rappen wie Ms. Dynamite«, fügte sie hinzu, klang aber nicht sehr überzeugt.

Sie wussten beide, dass es nie so weit kommen würde. Außer wenn jemand eine Droge zur Hebung des Selbstbewusstseins erfände, die Jane ihr spritzen könnte, bevor sie dem Heroin verfiel, das die halbe Siedlung als Beruhigungsmittel zu nehmen schien. Jane blieb an der Bushaltestelle stehen und wandte sich Tenille zu. »Niemand kann dir die Worte in deinem

Kopf wegnehmen«, sagte sie.

Tenille zupfte an einem abgekauten Fingernagel und starrte auf den Gehweg. »Meinst du, das weiß ich nicht?«, schrie sie beinahe. »Wie sonst meinst du, verdammt noch mal, schaffe ich es, zu überleben?« Plötzlich drehte sie sich auf den Fußballen um, lief weg und sprang mit überraschend eleganten Bewegungen wie eine Gazelle den unebenen Bürgersteig entlang.

Sie verschwand in einer Gasse, und Jane empfand die gewohnte Mischung aus herzlicher Zuneigung und Frust.



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