Leseprobe
Das Kuckucksei
Am Tag, als Richards Todesanzeige im Manchester Evening Chronicle erschien, wusste ich, dass ich es nicht länger aufschieben konnte, Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Aber zuvor musste ich noch etwas anderes tun. Mit einer Polaroidkamera in der Hand stand ich in der Tür zum Wohnzimmer des Mannes, der drei Jahre mein Liebster gewesen war, und begutachtete das Chaos. Langsam schwenkte ich das Objektiv durch den Raum und hielt sorgfältig jedes Detail des Schlachtfeldes fest, Abschnitt für Abschnitt. Dieses Mal wollte ich mich nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Richard mochte weg sein, doch das bedeutete nicht, dass ich mich auf unnötige Risiken einließ. Privatdetektivinnen, die das tun, haben genauso gute Aussichten auf Rente wie die Angestellten von Robert Maxwell. Nachdem ich in allen Einzelheiten festgehalten hatte, wo was in diesem Zimmer lag, das ein Spiegelbild meines eigenen Heims nebenan war, machte ich mich an das Mammutprojekt. Als Erstes sortierte ich grob vor: Bücher, Zeitschriften, CDs, Kassetten, Promotion- Videos – der ganze Plunder, der sich im Laufe eines Rockjournalistenlebens ansammelt. Dann kam die Feinarbeit. Die Bücher räumte ich alphabetisch ins Regal. Ebenso die CDs. Die Kassetten packte ich in eine Box, die Richard dafür gekauft hatte, als es mir eines Sonntags gelungen war, ihn zu Ikea zu schleifen – das Neunziger- Jahre-Äquivalent zum Verlobungsring. Ich hatte die Box sogar für ihn zusammengebaut, aber er benutzte sie nie, stattdessen zog er seine wahllos über den Boden verstreuten Stapel und Haufen vor. Ich unterdrückte eine von der Erinnerung ausgelöste Gefühlsanwandlung und machte verbissen weiter. Die Zeitschriften verstaute ich im Wintergarten, der hinter unseren beiden Bungalows lag und diese fester verband, als wir es je für unser beider Leben gewollt hatten. Ich lehnte mich an die Wand und sah mich im Zimmer um. Wenn es heißt: »Ein Scheißjob, aber irgendwer muss es tun«, wieso glauben wir dann nie wirklich, dass es an uns hängenbleibt, die Suppe auszulöffeln? Ich seufzte und zwang mich weiterzumachen. Ich leerte Aschenbecher, in denen noch Reste von Richards Joints lagen, sammelte Kugelschreiber und Bleistifte ein und stopfte sie in die abgesägte Sapporo-Bier-Dose, die er dafür benutzte, seit ich ihn kannte. Ganz vorsichtig, um sie nicht noch mehr durcheinanderzubringen, als sie ohnehin schon waren, nahm ich die gesamten Notizblöcke, Zettel und Umschläge, auf die er lebenswichtige Telefonnummern und Zitate gekritzelt hatte, und trug sie in das Zimmer, das er als Büro benutzte, wenn es nicht gerade von seinem neunjährigen Sohn Davy während seiner regelmäßigen Besuche belegt war. Ich türmte alles auf einen verdächtig ähnlichen Stapel, der bereits den Schreibtisch zierte. Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, war ich verblüfft über das Ergebnis. Das Zimmer sah fast aus, als könnte ich mich darin wohl fühlen. Ohne den üblichen Müll war sogar das Muster des alten marokkanischen Teppichs sichtbar, der fast den ganzen Boden bedeckte. Und auf den Sofas konnten ausnahmsweise die fünf Personen Platz nehmen, für die sie konstruiert waren. Ich bemerkte zum ersten Mal, dass in der Mitte des Couchtischs eine Glasplatte war. Schon ewig hatte ich versucht, ihn dazu zu bewegen, das Zimmer in einen halbwegs zivilisierten Zustand zu bringen, aber er hatte sich immer geweigert. Obwohl ich mir meinen Wunsch nun endlich erfüllt hatte, konnte ich nicht behaupten, dass es mich glücklich machte. Es ging mir nicht aus dem Kopf, aus welchem Grund ich das hier tat und was noch vor mir lag. Richards Todesanzeige war nur das erste Glied in einer Kette von Ereignissen, die mich auf eine verdammt härtere Probe stellen würden als das Aufräumen eines Zimmers. Ich erwog, den Teppich zu bürsten, fand dann aber, dass das zu viel des Guten wäre. So was zählt zu jenen Aktivitäten nach dem Tod eines geliebten Menschen, die von anderen als etwas wunderlich empfunden werden. Und einen wunderlichen Eindruck wollte ich nicht machen. Ich ging zurück in mein Haus und tauschte Trainingshose und T-Shirt, die ich zum Putzen getragen hatte, gegen etwas, das besser zu einer trauernden Witwe passte. Einen anthrazitfarbenen Wollwickelrock vom Ausverkauf bei French Connection und einen schwarzen Lambswool-Rollkragenpullover, den ich nur erstanden hatte, weil ich darin aussah wie der Tod. Es gibt Momente im Berufsleben einer Detektivin, in denen sie besser einer Ohnmacht nahe wirkt als wie Wonder Woman kurz vorm Abheben. Ich wollte gerade die Tür zum Wintergarten hinter mir schließen und in Richards Haus zurückgehen, als seine Klingel den völlig unpassenden Gitarrenriff von Eric Claptons Layla von sich gab. »Scheiße«, murmelte ich. Du kannst noch so gründlich sein, irgendwas vergisst du immer. Ich wusste nicht mehr, welche anderen Titel auf Richards Twenty-Great-Rock-Riffs-Klingel zur Auswahl standen, aber es musste doch etwas Angemesseneres geben als Claptons jaulende Gitarre. Vielleicht was von den Smiths, dachte ich geistesabwesend, während ich versuchte, das Gesicht einer Frau aufzusetzen, die gerade ihren Partner verloren hat. Wie sollte ich denn aussehen, überlegte ich für eine Sekunde. Was trägt die sehr betrübte Frau diese Saison auf ihrem Gesicht? In Zeiten gefärbter Wimpern kannst du nicht mal Rinnsale von Wimperntusche bemühen. Ich atmete tief durch, hoffte das Beste und öffnete die Tür. Die Journalistin, die im Manchester Evening Chronicle über Kriminalfälle berichtet, stand vor der Tür, ihr schwarzes Haar erinnerte mehr denn je an eine Explosion in einer Perückenfabrik. »Kate«, rief Alexis, meine beste Freundin, und umarmte mich. »Ich kann’s nicht fassen«, fuhr sie stockend fort. Sie trat zurück, um mich anzusehen, Tränen in den Augen. So viel zum Thema abgebrühte Reporterin. »Warum hast du uns nicht an - gerufen? Ich hab’s in der Zeitung gesehen – Kate, was zum Teufel ist passiert?« Ich schaute hinaus. Auf der Straße war alles ruhig. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern, zog sie entschlossen ins Haus und machte die Tür zu. »Nichts. Richard geht es gut«, sagte ich und führte sie durch den Flur. »Wie bitte?«, fragte Alexis. Sie blieb stehen und sah mich stirnrunzelnd an. »Wenn es ihm gutgeht, warum habe ich dann gerade in der Abendzeitung gelesen, dass er tot ist? Und wenn es ihm gutgeht, warum ziehst du hier diese Baby’s-in-Black-Show ab, wo du weißt, dass du in dieser Farbe aussiehst wie Frankensteins Braut?« »Wenn du mich mal zu Wort kommen lässt, erkläre ich es dir«, erwiderte ich und ging ins Wohnzimmer. »Ich versichere dir, Richard ist gesund und munter.« Alexis blieb wie angewurzelt in der Tür stehen und blickte in die makellose Ordnung des Zimmers. »Oh nein, ist er nicht«, widersprach sie, und durch ihren starken Liverpool-Akzent zog sich Misstrauen wie der Streifen durch die Zahnpasta. »Es geht ihm nicht gut, wenn er sein Wohnzimmer so hinterlässt. Er hat zumindest einen Nervenzusammenbruch. Was zum Teufel ist hier los, KB?« »Ich glaub’s einfach nicht, dass du die Traueranzeigen liest«, meinte ich und ließ mich aufs nächstbeste Sofa fallen. »Tu ich sonst auch nicht«, stellte sie richtig und sank in das gegenüberliegende Sofa. »Ich war auf der Wache unten in Moss Side und hab auf die Stellungnahme des diensthabenden Inspectors zu einem Vorfall gewartet, bei dem es um eine Uzi und einen toten Rottweiler ging, und die haben derart lang gebraucht, dass ich bis auf die Anzeigen für Tanzveranstaltungen alles gelesen habe. Und das ist gut so. Was ist los? Wenn er nicht tot ist, was hat ihn veranlasst, derart auszuklinken?« Sie bohrte ihren nikotingelben Zeigefi nger in die Zeitung. »Ich habe die Anzeige in die Zeitung gesetzt«, antwortete ich. »Auch eine Möglichkeit, ihm mitzuteilen, dass es aus ist«, unterbrach Alexis, bevor ich weiterreden konnte. »Ich dachte, ihr beide wärt euch einig gewesen?« »Sind wir uns auch«, erwiderte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Um die Probleme in meiner Beziehung mit Richard auszubügeln, hätte die gesamte Belegschaft einer Großwäscherei einen Monat gebraucht. Wir brauchten wesentlich länger. »Also, was ist los?«, fragte Alexis angriffslustig. »Was ist so wichtig, dass wir alle fast einen Herzinfarkt erleiden, weil wir denken, der Goldjunge hätte den Löffel abgegeben?« »Kannst du nicht ein einziges Mal deine journalistischen Übertreibungen weglassen?«, seufzte ich. »Du weißt und ich weiß, dass niemand unter sechzig die Todesanzeigen liest. Ich musste real existierende Namen und Adresse benutzen, und ich dachte, da Richard bis Ende der Woche nicht in der Stadt ist, könnte ich seine nehmen, ohne dass jemand etwas merkt«, erklärte ich. »Und er wird es nicht merken, es sei denn, du erzählst es ihm.« »Das hängt davon ab, ob du mir mitteilst, wozu das Ganze dient«, sagte Alexis verschlagen. Jetzt, da sie eine mögliche Story witterte, war die Empörung über einen Augenblick verschwendeten Mitgefühls nur mehr eine blasse Erinnerung. »Ich meine, er wird merken, dass etwas los ist«, fügte sie hinzu und machte eine vielsagende Geste durchs Zimmer. »Ich glaube nicht, dass er weiß, dass der Teppich ein Muster hat.« »Ich habe vorher Fotos gemacht«, berichtete ich. »Wenn ich fertig bin, werde ich alles wieder so herrichten, wie es war. Er wird überhaupt nichts merken.« »Er wird, wenn ich ihm die Annonce zeige«, konterte Alexis. »Raus mit der Sprache, KB. Was für eine Schau ziehst du hier ab? Warum spielst du die trauernde Witwe?« Sie lehnte sich zurück und zündete sich eine Zigarette an. So viel zu meinen sauberen Aschenbechern. »Kann ich dir nicht verraten«, sagte ich zuckersüß. »Berufl iche Schweigepfl icht.« »Gequirlter Mist«, höhnte Alexis. »Du sprichst mit mir, KB, nicht mit den Bullen. Los, komm schon. Oder das Erste, was Richard sieht, wenn er nach Hause kommt …« Ich schloss die Augen und murmelte einen alten Zigeunerinnenfl uch. Nicht, dass ich etwa Romani konnte; ich hatte mich nur schon zu oft geweigert, glückbringendes weißes Heidekraut zu kaufen. Glauben Sie mir, ich weiß genau, was diese alten Zigeunerinnen sagen. Ich wägte meine Möglichkeiten ab. Ich konnte davon ausgehen, dass sie bluffte, und hoffen, dass sie Richard nichts erzählte. Schließlich taten die beiden ständig so, als empfänden sie im berufl ichen Feld nichts als Verachtung füreinander, und führten das bei jeder Gelegenheit auf persönlicher Ebene fort. Andererseits behagte mir der Gedanke nicht, Richard erklären zu müssen, dass ich für die Bekanntgabe seines Todes verantwortlich war. Ich gab nach. »Das muss aber unter uns bleiben«, sagte ich ungnädig. »Warum?«, fragte Alexis. »Weil es mit ein bisschen Glück in ein oder zwei Tagen ein Fall fürs Gericht sein wird. Und wenn du es vorher rausposaunst, werden die Ganoven mit dem nächsten Zug aus der Stadt verschwinden, und wir werden sie nie schnappen.« »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du zu Melodramatik neigst, KB?«, fragte Alexis grinsend. »Und das sagt eine Frau, die ihre heutige Story mit ›Verdeckter Ermittler stürmte bei einer Razzia im Morgengrauen das Liebesnest eines Großdealers‹ eröffnet hat, wo wir beide wissen, dass ein paar Typen von der Drogenfahndung bloß die Wohnung von der Freundin eines drittklassigen Dealers auseinandergenommen haben«, bemerkte ich kritisch. »Tja, nun, du musst schon ein bisschen aufpeppen, sonst würgen die Flitzpiepen in der Redaktion es ab. Aber darum geht es jetzt nicht. Ich will wissen, warum Richard angeblich tot ist.« »Das ist eine lange und komplizierte Geschichte«, startete ich einen letzten Versuch, ihr das Interesse zu nehmen. Alexis grinste und blies betont langsam einen Schwall Rauch durch ihre Nasenlöcher. Puff der Zauberdrache hätte sich auf der Stelle zu einem Trainingskurs angemeldet. »Klasse«, schwärmte sie. »Solche Geschichten mag ich am liebsten.« »Mein Klient ist Inhaber einer Steinmetzwerkstatt«, berichtete ich. »Es sind die größten Anbieter für Grabsteine in South Manchester. Sie haben sich an uns ge - wandt, weil sich Leute beschwert haben, sie hätten für Grabsteine bezahlt, die sie nie bekommen haben.« »Jemand hat Grabsteine geklaut?« »Schlimmer«, sagte ich und meinte es ernst. Meiner An - sicht nach ging es hier wirklich um komplette Arschlöcher. »Die Firma, die mich angeheuert hat, wurde eher beiläufi g Opfer einer ganz miesen Betrügerei. Soweit ich bis jetzt herausgefunden habe, sind mindestens zwei Leute beteiligt, ein Mann und eine Frau. Sie tauchen an der Tür der Hinterbliebenen auf und behaupten, sie kämen von der Firma meines Klienten. Sie verwenden Visitenkarten mit Logo, Adresse und Telefonnummer dieser Firma, alles absolut koscher. Das Einzige, was nicht stimmt, ist, dass die Namen auf den Karten meinem Klienten völlig unbekannt sind. Sie benutzen nicht die Namen seiner Angestellten. Aber diese beiden sind gerissen. Sie kommen immer abends, außerhalb der Ge - schäftszeiten, also können Misstrauische die Sache nicht durch einen Anruf im Büro meines Klienten überprüfen. Und sie kommen allein. Ohne schweres Geschütz. Wo eine Frau gestorben ist, taucht die Frau auf. Wo es ein Mann ist, der Kerl.« »Was ist ihre Masche?«, fragte Alexis. »Sie machen auf nett und mitfühlend, dann erklären sie, sie besuchen die Leute jetzt lieber zu Hause, weil das Aussuchen eines angemessenen Grabsteins in den eigenen vier Wänden leichter fällt. Dann bringen sie ein Sonderangebot ins Spiel, gerade so, als würden sie eine Doppelverglasung oder so was verkaufen. Du weißt schon, nach dem Motto: einzigartige Gelegenheit, Sondertransport von italienischem Marmor oder Granit aus Aberdeen, Sie könnten zu denen gehören, die wir als Referenz anführen, begrenzte Stückzahl.« »Ja, ja«, stöhnte Alexis. »Und wenn man nicht heute unterschreibt, dann ist die Gelegenheit futsch, stimmt’s oder hab ich recht?« »Du hast recht. Diese armen Socken, deren Leben ohnehin schon in Trümmern liegt, weil sie gerade Partnerin oder Partner, Ehemann oder Ehefrau, Mutter oder Vater, Sohn oder Tochter verloren haben, werden ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, damit so ein verschlagenes Arschloch losgeht und sich noch einen Designeranzug oder ein Scheiß-Mobiltelefon kauft«, sagte ich wütend. Ich kenne natürlich die Regel, persönliche Gefühle aus der Arbeit rauszuhalten, aber es gibt Fälle, in denen cool und unbeteiligt zu bleiben nicht von gesundem Menschenverstand zeugen würde, sondern eher von Unmenschlichkeit. Das hier war so ein Fall. Alexis zündete sich noch eine Zigarette an und schüttelte den Kopf. »Richtige Scheißkerle«, meinte sie angewidert. »Eins-a-Betrüger. Die nehmen also das Geld und verschwinden auf Nimmerwiedersehen, und dein Klient darf dann die Scherben aufsammeln, wenn der Grabstein eine Fata Morgana bleibt.« »So ungefähr. Die beiden sind wirklich skrupellose Schweine. Ich habe ein paar von den Betroffenen befragt, und einige haben erzählt, die Frau ist tatsächlich mit ihnen zum Geldautomaten gefahren, um Bargeld für eine Anzahlung zu holen.« Ich schüttelte den Kopf, als ich an die Mienen der Opfer dachte. Sie zeigten eine ganze Palette von Gemütszuständen, einer jammervoller als der andere. Zunächst Trauer, dann der Zorn, übers Ohr gehauen worden zu sein, dazu eine Mischung aus Scham und Groll, weil sie darauf reingefallen waren. »Und es hat überhaupt keinen Sinn, ihnen zu versichern, dass selbst eine ausgekochte Zynikerin wie ich denen auf den Leim gegangen wäre. Denn wahrscheinlich wäre ich das, das ist das Schlimmste daran«, fügte ich bitter hinzu. »So ist das mit der Trauer«, bestätigte Alexis. »Das Letzte, das du erwartest, ist, über den Tisch gezogen zu werden. Überleg mal, wie viele Familien jahrelang nicht miteinander reden, weil irgendjemand unmittelbar nach einem Todesfall etwas Ungeheuerliches gemacht hat, wenn alle erschüttert sind und das Gefühl haben, ihr Hirn würde zusammen mit ihren Gefühlen durch den Fleischwolf gedreht. Nachdem Theresa, die zweite Ehefrau meines Onkels Joe, den Pelz meiner Großmutter auf deren Beerdigung getragen hatte, war sie für die Familie gestorben. Mein Vater erlaubte meiner Mutter fast zehn Jahre nicht, Weihnachtsgrüße zu schicken. Bis Onkel Joe selbst an Krebs erkrankte, der arme Kerl.« »Tja, aber zu wissen, dass diese Leute nicht einfach ex trem leichtgläubig waren, macht es für sie auch nicht leichter. Meiner Meinung nach ist das Einzige, was ihnen vielleicht helfen könnte, die Verantwortlichen dingfest zu machen.« »Was ist mit den Bullen? Haben sie die nicht verständigt? « Ich zuckte mit den Schultern. »Nur ein oder zwei Leute. Die meisten haben nur meinen Klienten angerufen. Der Stolz. Die Leute wollen nicht, dass alle denken, sie kämen nicht zurecht, bloß weil sie jemanden verloren haben. Besonders, wenn sie gerade anfangen, sich langsam zu erholen. Das heißt, alles, was die Gummiknüppel haben, sind ein paar Einzelfälle.« Es war unnötig, einer Kriminalreporterin zu sagen, dass das bei der Kripo nicht gerade höchste Priorität haben würde, denn die Polizei war mit einer wahrhaften Seuche von Crack und Waffen befasst, obwohl die Gangs angeblich Waffenstillstand geschlossen hatten. Alexis lächelte zynisch. »Nicht gerade die Art Paradefall, um den die Helden von der Kripo sich reißen. Die würden erst davon Notiz nehmen, wenn eine Reporte19 rin wie ich über die Geschichte stolpert und dazu ein paar Schlagzeilen verfasst. Dann müssten sie den Arsch hochbekommen.« »Dazu ist es jetzt zu spät«, sagte ich entschlossen. »Lumpenpack«, sagte Alexis. »Also hast du Richards Todesanzeige reingesetzt, um sie zu ködern und hochgehen zu lassen?« »Das scheint die einzige Möglichkeit, sie zu schnappen «, erklärte ich. »Nach allem, was die Opfer erzählen, ist klar, dass sie nach den Traueranzeigen vorgehen. Richard ist nicht in der Stadt, er zieht mit irgendeiner Band rum, also dachte ich mir, ich schaukle das so, dass er vom Missbrauch seines Namens gar nichts mitbekommt. Wenn alles nach Plan läuft, sollte innerhalb der nächsten halben Stunde jemand hier sein.« »Gut ausgedacht«, meinte Alexis zustimmend. »Hoffentlich funktioniert es. Warum hast du nicht Bills Name und Adresse benutzt? Er ist doch noch in Australien, oder?« Ich schüttelte den Kopf. »Wollte ich, aber er kommt heute Nachmittag zurück.« Bill Mortensen, Geschäftsführer von Mortensen & Brannigan, Privatdetektei und Sicherheitsberatung, war die letzten drei Wochen in Australien gewesen, seine zweite Reise nach Down Under innerhalb von sechs Monaten, eine Tatsache, die für mich langsam nach mächtigem Ärger roch. »Er wird sein Haus erst mal zum Jetlag-Erholungsgebiet erklären. Blieb also Richard. Tut mir leid, dass du umsonst zum Kondolieren gekommen bist. Und es tut mir leid, wenn es dich aus der Fassung gebracht hat«, fügte ich hinzu. »Schon in Ordnung. Ich denke, ich habe nicht wirklich geglaubt, dass er tot ist. Es schien mir der schlechte Scherz eines kranken Hirns zu sein, vor allem, weil ich mir nicht erklären konnte, warum du mir nichts gesagt hast. Wenn du verstehst, was ich meine. Wie auch immer, ich bin nicht umsonst gekommen. Ich wollte sowieso reinschauen. Ich muss dir was erzählen.« Aus irgendeinem Grund sah Alexis mir plötzlich nicht mehr in die Augen. Sie schaute sich unsicher im Zimmer um, als wären Richards Wände eine Quelle der Inspiration. Dann wandte sie den Blick langsam von dem nicht mehr strahlend weißen Anstrich ab und begann in ihrer Handtasche zu wühlen, einer enormen Handtasche, die meine wie ein Abendtäschchen aussehen ließ. »Na, schieß los«, drängte ich ungeduldig nach einer längeren Stille, in der Alexis eine neue Packung Zigaretten zu - tage gefördert, aufgemacht und sich eine angezündet hatte. »Es geht um Chris«, hauchte sie geheimnisvoll. Wieder Stille. Chris, Alexis’ Lebensgefährtin, arbeitet als Architektin in einem Gemeinschaftsbüro. Es scheint, als wären die beiden schon länger zusammen als Mickey und Minnie. Sie haben kürzlich ihr Traumhaus fertiggestellt, jenseits der Grenzen der Zivilisation, wie wir sie kennen, als Teil eines Eigenbauprojekts. Und jetzt schlug Alexis den Ton an, den BBC-Sprecherinnen verwenden, wenn ein Mitglied der königlichen Familie gestorben ist oder sich von der oder dem Angetrauten getrennt hat. »Was ist mit Chris?«, fragte ich nervös. Alexis fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und sah mich dann von unten her an. »Sie ist schwanger.« Bevor ich etwas sagen konnte, gab die Türglocke wieder dröhnend den Layla-Riff von sich.
