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Cover
VERLAG
Knaur TB
ORIGINALTITEL
Star Struck
SEITENZAHL
368
AUSSTATTUNG
Taschenbuch
PREIS
EUR (D) 8,99
ISBN
ISBN-13
978-3-426-50512-0
ERSCHEINUNGSTERMIN
10.09.2010

Dieses Buch ist lieferbar.

 

Leseprobe




Das Gesetz der Serie

Meine Klientin war gerade im Begriff, eine schallende Ohrfeige zu kassieren. Hilflos sah ich von der anderen Straßenseite aus zu. Mein Adrenalinspiegel stieg, aber ich konnte es unter keinen Umständen rechtzeitig zu ihr rüber schaffen. Das ist das Problem mit der Leibwächterei. Du kannst eine Klientin mit einem Aufgebot an Rutger-Hauer-Klonen und Möchtegern-Jean- Claude-Van-Dammes in kugelsicheren Westen umgeben, es kommt immer der Moment, in dem sie ungeschützt ist. Und wer ist dann wohl schuld? Deshalb gilt für Leute, die jemand zum Aufpassen suchen, bei Brannigan & Co. Ermittlungen und Sicherheitsberatung die Regel: »Das machen wir nicht.« Aber Weihnachten rückte näher, und die Gans war magersüchtig. Das Geschäft schleppte sich dahin wie eine Warteschlange am Postschalter, und selbst unkonventionelles Personal wie meines erwartet pünktlich sein Gehalt. Außerdem verdiente auch ich einen Festtagsbonus. Zum Beispiel was zu essen. Also schickte ich mein besseres Wissen vorzeitig in die Weihnachtsferien und nahm eine Klientin an, die, wie sich herausstellen sollte, mehr Unglück auf sich zog als Coco der Clown. Diesmal war es nicht meine Schuld, dass die Klientin an vorderster Front stand. Ich hatte keinen Einfl uss auf die Ereignisse da draußen auf der Straße. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich hätte sie nicht aufhalten können. Da ich diesmal von der Pflicht einzuschreiten entbunden war, stand ich mit den Händen in den Taschen da und beobachtete, wie Carla Hardcastles Arm in einem furchteinflößenden Bogen zu einem krachenden Schlag ausholte, der das überhebliche Grinsen von Brenda Barrowcloughs selbstzufriedenem Gesicht wischte. Ich hielt den Atem an. »Und Schnitt«, sagte die Regisseurin. »Sehr schön, Mädels, aber ich möchte das noch mal haben. Gloria, dein selbstgefälliges Grinsen war gut, aber könntest du es an der Stelle ablegen, als du merkst, dass sie dich wirklich schlagen wird? Und ein wenig Empörung zeigen?« Meine Klientin schenkte ihr ein geduldiges Lächeln, das so ehrlich war wie ein Bettler, der um Geld für Tee bittet. »Was immer du sagst, Helen, Schätzchen«, erwiderte sie mit der dunklen, raspelnden Stimme, die das ganze Land dreimal pro Woche in Atem hielt, wenn wir während Manchesters Hauptbeitrag zur Welt der Seifenopern unsere Mikrowellenmahlzeiten in uns hineinschaufelten. Dann drehte sie sich übertrieben zwinkernd zu mir um und rief: »Schon gut, Schätzchen, ist alles nur Show.« Alle drehten sich um und starrten mich an. Es gelang mir zu grinsen und dabei die Zähne zusammenzubeißen. Diese Begabung ist im Privatdetektivgeschäft sehr nützlich. Mich mit skrupellosen Schwachköpfen abgeben zu müssen, macht mich manchmal echt fertig. Und ich rede nur von den Klientinnen und Klienten. »Das ist mein Bodyguard«, verkündete Gloria Kendal alias Brenda Barrowclough der gesamten Besetzung und Crew von Nordlichter. »Wir sind alle draufgekommen, dass sie nicht dein Körperdouble ist«, versetzte die Schauspielerin, die die Carla spielte und im richtigen Leben genauso säuerlich zu sein schien wie die Figur, die sie in der Serie verkörperte, welche das britische Publikum seit nahezu zwanzig Jahren fesselte. »Na, hoffentlich wirst du nur von Zwergen angegriffen «, fügte Teddy Edwards hinzu. Er war einst als Komiker im Theater des Arbeiterclubs aufgetreten, hatte aber offensichtlich zu lange Glorias Serienehemann gespielt und dabei jedes komische Talent verloren, das er jemals besessen hatte. Ich bin auf Socken vielleicht nur eins sechzig, aber ich müsste nur wenige meiner Thaibox- Kenntnisse anwenden, um einen Fettkloß wie ihn in die Knie zu zwingen. Ich durchbohrte ihn mit Blicken und bin schamlos genug zuzugeben, dass ich es genoss, als er sich räusperte und wegsah. »In Ordnung, beruhigt euch«, rief die Regisseurin. »Alle auf ihre Plätze, bitte, und die Szene noch mal von vorn.« »Bitte etwas Ruhe da hinten«, fügte jemand anders hinzu. Ich fragte mich, wie seine Berufsbezeichnung lautete und wie lange ich mich in Fernsehstudios herumtreiben musste, um herauszufi nden, wer was in einer Hierarchie macht, die »Schwenker«, »Lichtsetzer« und mehr Mädchen für alles umfasste, als ich zählen konnte. Wie es aussah, würde ich lange genug Zeit dafür haben. Dieser Job ließ viel Raum für müßige Gedanken. Wenn Gloria drehte, war Ruhe angesagt. Ich konnte keine Fragen stellen, niemanden belauschen oder irgendwo einbrechen, um an die Informationen zu kommen, die für den Abschluss des Falls nötig waren. Mir blieb nichts zu tun als gegen die Wand gelehnt zuzusehen. Es war nichts annähernd Glamouröses daran, dem siebten Take einer Szene beizuwohnen, die ohnehin weit entfernt von Shakespeare war. So ist das nun mal bei Jobs, das Bewachen der Königin der Seifenopern war ungefähr so exotisch wie zu beobachten, wie Regen an einer Scheibe hinunterrinnt. Begonnen hatte es ganz anders. Als Gloria in unser Büro geschwebt kam, wusste ich sofort, dass dies kein Routinefall sein würde. Bei Brannigan & Co., der Privatdetektei, die ich betreibe, bieten wir ein breites Spektrum von Dienstleistungen an. Anfangs, als Bill Mortensen noch mein Geschäftspartner war, befassten wir uns vor allem mit Wirtschafts kriminalität, Computersicherheit, Industriespionage und -sabotage und unterschiedlichsten Ermittlungen, die Freundinnen und Freunde uns gelegentlich bescherten. Jetzt war Bill nach Australien gegangen, und ich musste mein Netz weiter auswerfen, um zu überleben. Bei ein paar Anwaltskanzleien hatte ich mir das Zustellen von Vorladungen wiedererkämpft, dem Briefkopf »Überwachung« hinzugefügt und Versicherungen überredet, mich mit der Aufklärung von Versicherungsbetrug zu beauftragen. Trotzdem kündigte Gloria Kendals Auftauchen in unserem Büro etwas völlig Außergewöhnliches an. Nicht, dass ich sie sofort erkannt hätte. Auch Shelley nicht, die Büromanagerin, und sie hat den Röntgenblick aller Teenagermütter. Als Gloria auf einer Woge White Linen von Estée Lauder zur Tür hereinrauschte, dachte ich zuerst, sie wäre ein Opfer häuslicher Gewalt. Ich konnte mir keinen anderen Grund vorstellen, warum sie an einem nassen Dezembernachmittag in Manchester einen breitkrempigen Hut und eine Wraparound-Sonnenbrille trug. Über Shelleys Schulter hinweg sah ich mir gerade Informationen an, die sie aus dem staatlichen Firmenverzeichnis heruntergeladen hatte, als eine Frau die Tür aufstieß, innehielt und dramatisch im Türrahmen stehen blieb. Sie wartete, bis wir beide aufsahen und die teure Eleganz ihres Regenmantels und die Güte des leuchtend grünen Seidenkostüms darunter registrierten, dann setzte sie auf niedrigen, farblich genau auf das Kostüm abgestimmten Pumps drei wohlbemessene Schritte in den Raum. Ich weiß nicht, wie es Shelley erging, aber mir, fürchte ich, war mein Erstaunen anzusehen. Die Pose der Frau hatte etwas Erwartungsvolles. Shelleys »Kann ich etwas für Sie tun?« änderte nichts daran. Die Frau lächelte, ihre in der Farbe schwarzer Kirschen perfekt geschminkten Lippen bewegten sich. »Das hoffe ich, Schätzchen«, sagte sie, und ihr Geheimnis war enthüllt. »Gloria Kendal«, hauchte ich. »Brenda Barrowclough«, erkannte Shelley im selben Augenblick. Gloria schmunzelte. »Sie haben beide recht. Aber das soll unser kleines Geheimnis bleiben, ja?« Ich nickte einfach. Die einzige Möglichkeit, ihre Identität je geheim zu halten, war, dass sie den Mund hielt. Nach drei kurzen Sätzen war klar, die Stimme, die Brenda Barrowclough zum Liebling der Imitatoren der gesamten Unterhaltungsbranche gemacht hatte, war etwas, das Gloria nicht aufsetzte und zusammen mit der wasserstoffblonden hochtoupierten Perücke, ihrem Markenzeichen, ablegte. Gloria sprach wirklich breitesten Nordmanchester- Dialekt, mit dem rauhen Grollen eines Bulldozers in niedrigem Gang. »Was kann ich für Sie tun, Ms. Kendal?«, fragte ich, als mir meine guten Manieren wieder einfi elen, und trat hinter der Rezeption hervor. Sie mochte zwar kein Gene raldirektor im grauen Anzug sein, aber sie hatte eindeutig genug auf der Bank, um uns allen ein sehr schönes Weihnachtsfest zu sichern. »Nennen Sie mich Gloria, Schätzchen. Das heißt, nennen Sie mich, wie Sie wollen – nur nicht Brenda.« Nach zwanzig Jahren fernsehen kannte ich ihr rauhes Lachen so gut wie das meiner besten Freundin. »Ich suche Brannigan «, erklärte sie. »Sie haben sie gefunden«, erwiderte ich und streckte ihr die Hand entgegen. Gloria ließ eine schlaffe Hand in meine fallen und zog sie weg, bevor ich sie schütteln konnte – das typische Zeichen für eine, die übers Jahr zu viele Hände schütteln muss. »Ich dachte, Sie wären ein Kerl«, meinte sie. Zum ersten Mal war das keine Missbilligung, sondern eine reine Feststellung. »Das macht alles viel einfacher. Ich habe mich schon gefragt, was tun, wenn Brannigan & Co. keine Detektivinnen hat. Können wir irgendwo reden?« »In meinem Büro?« Ich deutete zur offenen Tür. »Bestens«, befand Gloria, rauschte an mir vorbei und winkte Shelley zum Gruß. Wir schauten uns an. »Du hast es gut«, murmelte Shelley. Als ich die Tür hinter mir schloss, hatte Gloria bereits in einer Ecke des Sofas Platz genommen, das zwanglosen Besprechungen mit Klientinnen und Klienten dient. Sie hatte ihren Hut abgenommen und lässig vor sich auf den Tisch gelegt. Ihr eigenes Haar war zart aschblond und in jungenhaftem Audrey-Hepburn-Stil geschnitten. Irgendwie sah es nicht lächerlich aus, obwohl die Frau auf die sechzig zugehen musste. Sie hatte die klare Haut einer viel jüngeren Frau, aber ohne die Barbiepuppen- Straffheit, die bei übereifrigem Facelifting auftritt. Als ich mich ihr gegenübersetzte, nahm sie die Sonnenbrille ab, und um die vertrauten grauen Augen entstanden Fältchen, als sie lächelte. »Ich weiß, es ist albern, aber obwohl die Leute die Brille anstarren, erkennen sie nicht Brenda dahinter. Sie denken einfach, ich wäre eine blöde reiche Kuh mit Hang zum Größenwahn.« »Es muss sehr schwierig sein, ein normales Leben zu führen«, bemerkte ich. »Sie sagen es, Schätzchen. Sie sehen dich dreimal die Woche in ihrem Wohnzimmer und glauben, du gehörst zur Familie. Du gibst dich zu erkennen, und als Nächstes erzählen sie dir von ihrer Leistenbruchoperation und dem Zustand ihrer Venen. Es ist ein Alptraum.« Sie schüttelte sich aus ihrem Mantel, öffnete ihre Handtasche und nahm ein Päckchen dieser langen, schlanken braunen Zigaretten heraus, die wie Zimtstangen aussehen, und ein goldenes Dunhill-Feuerzeug. Sie sah sich mit hochgezogenen Augenbrauen um. Ein Seufzen unterdrückend, stand ich auf und nahm die Untertasse unter dem Weihnachtskaktus weg. Ich hatte ihn erst vor zwei Tagen gekauft, aber die Knospen, die eine wunderschöne Blütenpracht versprochen hatten, begannen unweigerlich aufs Fensterbrett zu fallen. Ich und Pfl anzen vertragen sich so gut wie Nord- und Süd19 korea. Ich goss das Wasser aus der Untertasse in den Abfalleimer und stellte sie Gloria auf den Tisch. »Tut mir leid«, sagte ich. »Was Besseres hab ich nicht.« Sie lächelte. »Ich habe in einer Katzenfutterfabrik gearbeitet. Ich hab meine Kippen in weit Üblerem ausgedrückt, glauben Sie mir.« Ich wollte lieber nicht darüber nachdenken. »Nun, Gloria, wie kann ich Ihnen helfen?« »Ich brauche eine Leibwächterin.« Ich zog die Brauen hoch. »Das machen wir normalerweise …« »Dies sind keine normalen Umstände«, entgegnete sie scharf. »Ich will keinen gehirnamputierten Bodybuilder, der um mich herumscharwenzelt. Ich will jemanden mit Verstand, jemanden, der rausfindet, was zum Henker vorgeht. Jemand, der keine Aufmerksamkeit erregt. Mein halbes Leben schnappt die verdammte Presse nach meinen Waden, und was ich am wenigsten brauche, sind Storys darüber, dass ich mein Geld für einen bezahlten Killer verschleudere. Deshalb will ich eine Frau.« »Sie sagten ›jemanden, der rausfindet, was zum Henker vorgeht‹«, sagte ich und konzentrierte mich auf den Teil, zu dem ich vielleicht etwas Nützliches beitragen konnte. »Was ist Ihrer Ansicht nach das Problem?« »Ich habe Drohbriefe bekommen«, berichtete sie. »Das ist an sich nichts Neues. Brenda Barrowclough ist eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und da draußen sind reichlich Leute unterwegs, die nicht zwischen Nordlichter und der Wirklichkeit unterscheiden können. Sie sind wahrscheinlich zu jung, um sich zu erinnern, aber als ich vor etwa fünfzehn Jahren in der Serie zum ersten Mal Witwe wurde, wurde ich mit Beileidsschreiben überschüttet. Leute haben tatsächlich Kränze für die Beerdigung geschickt, an die Adresse Sebastopol Grove 15. Die Post ist mittlerweile daran gewöhnt und liefert alles direkt ins Studio, aber damals wussten die armen Floristen nicht, was tun. Krebshilfeorganisationen schrieben uns, dass auf ihren Konten Spenden zum Gedenken an Harry eingegangen waren – das war der Name meines Serienehemanns. Jedes Mal, wenn Figuren ausziehen, bekommen wir Briefe von irgendwelchen Leuten, die nach dem Preis für das Haus fragen. Das heißt, jedes Mal, wenn Brenda irgendetwas Umstrittenes macht, bekomme ich Hassbriefe.« Ich durchforstete mein Gedächtnis nach den letzten Schlagzeilen der Regenbogenpresse. »War da nicht eine Folge über Abtreibung? Tut mir leid, ich komme nicht oft zum Fern sehen.« »Ist schon in Ordnung, Schätzchen. Ich auch nicht. Kennen Sie Brendas Enkelin Debbie?« »Die, die seit ihrem zehnten Lebensjahr bei Brenda lebt? Nachdem ihre Mutter bei dem Überfall auf das Postamt erschossen wurde?« »Sie waren also mal Fan?« »Ich schaue es noch immer, wenn ich kann. Was damals, als Debbie zehn war, viel öfter war als heute.« »Nun, Brenda fand heraus, dass Debbie abgetrieben hatte. Brenda hatte Debbies Freund wirklich auf dem Kieker, weil er schwarz war. Daher erwartete das Publikum, dass sie eher Debbie unterstützen als einen gemischtrassigen Enkel akzeptieren würde. Aber Brenda ereiferte sich bloß für das Recht auf Leben und warf Debbie raus. Also waren ich und Sarah Anne Kelly, die Darstellerin der Debbie, auf eine ziemliche Schlammschlacht gefasst.« »Und kam es dazu?« Gloria schüttelte den Kopf und hinterließ in Mundhöhe Rauchschwaden. »So ähnlich«, antwortete sie, was mich verwirrte. »Es ist so, dass das Studio die Post durchsieht und die richtig bösartigen Briefe aussortiert, damit wir uns nicht ängstigen. Aber natürlich fragt man nach. Ich meine, du willst doch wissen, ob da draußen irgendwelche komplett Verrückten auf dich warten.« »Und das Studio hat Ihnen gesagt, da wäre jemand?« »Nein, Schätzchen. Es war nicht das Studio. Die Briefe, die mir Sorgen machen, sind die, die nach Hause kommen.« Jetzt war ich wirklich verwirrt. »Sie meinen, Ihr richtiges Haus? Wo Sie wirklich wohnen?« »Genau. Nun, ich meine, es ist kein Staatsgeheimnis, wo ich wohne. Aber wenn man nicht gerade ein Nachbar ist oder ein Geier von der Presse, ist es ziemlich schwierig, es herauszufinden. Ich stehe natürlich nicht im Telefonbuch. Und der ganze offi zielle Kram, wie Stromrechnungen und Wahlbenachrichtigungen, lautet nicht auf Gloria Kendal. Es läuft alles unter meinem richtigen Namen.« »Und der wäre?« »Doreen Satterthwaite.« Sie verengte die Augen. Ich glaube, nicht wegen des Rauches. Ich bemühte mich, ein ungerührtes Gesicht zu machen. Dann grinste Gloria. »Echt scheußlich, was? Wundern Sie sich, dass ich mich für Gloria Kendal entschied?« »An Ihrer Stelle hätte ich genau dasselbe getan«, erklärte ich. Und es war keine Lüge. »Diese Drohbriefe kommen also direkt zu Ihnen nach Hause?« »Nicht nur zu mir nach Hause. Auch meine Tochter hat einen bekommen. Und sie sind anders als die üblichen.« Sie öffnete wieder ihre Handtasche. Ich staunte über ein Leben, in dem es von Bedeutung war, dass Kostüm, Schuhe und Handtasche den gleichen Farbton hatten. Unweigerlich drifteten meine Gedanken in Spekulationen über ihre Unter wäsche ab. Ob die Farbabstimmung so weit ging? Gloria holte ein Blatt Papier hervor. Sie hielt inne, ehe sie es mir gab. Ich hätte es nehmen können, aber es war ein ungünstiger Winkel, also wartete ich. »Für gewöhnlich sind solche Briefe von halben Analphabeten. Von Ungebildeten. Ich habe zwar mit fünfzehn mit der Schule aufgehört, aber ich kenne den Unterschied zwischen Punkt und Komma. Die meisten Spinner, die mir Briefe schreiben, würden einen Absatz nicht mal erkennen, wenn er direkt vor ihrer Nase läge. Sie können nicht schreiben, und sie haben einen Hang zu grüner Tinte oder Filzstiften. Bei manchen von denen sind wahrscheinlich dort, wo sie leben, keine scharfen Gegenstände erlaubt«, fügte sie hinzu. Mir ist aufgefallen, dass Schauspieler(innen) und ihr Publikum sich oft gegenseitig verachten. Es sah aus, als hätte Gloria nicht viel Respekt vor den Leuten, die ihr das Dach überm Kopf finanzierten. Jetzt reichte sie den Brief herüber. Es war ein gewöhnliches DIN-A4-Blatt, der Text nichtssagend mit einem Laserdrucker ausgedruckt. »Doreen Satterthwaite, es ist an der Zeit, dass du für deine Taten bezahlst. Du verdienst das gleiche Leid, das du verursacht hast. Ich weiß, wo du wohnst. Ich weiß, wo deine Tochter Sandra und ihr Mann Keith wohnen. Ich weiß, dass deine Enkelin Joanna in die Gorse-Mill-Schule geht. Ich weiß, dass sie in die Saint Andrew‘s Church zur Messe gehen und einen Wohnwagen auf Anglesey haben. Ich weiß, dass du einen roten Saab Cabrio fährst. Ich kenne dich, du Miststück. Und bald bist du tot. Aber es wird kein schneller Abgang für dich. Zuerst wirst du leiden.« Sie hatte recht. Der Brief klang, als wäre sein Verfasser beunruhigend klar im Kopf. »Irgendeine Vorstellung, worauf der Brief sich bezieht?«, fragte ich, ohne wirklich eine ehrliche Antwort zu erwarten. Gloria zuckte mit den Schultern. »Wer zum Henker soll das wissen? Ich bin keine Heilige, aber mir fällt niemand ein, dem ich etwas wirklich Schlimmes angetan hätte. Abgesehen von meinem Ex-Mann, aber ich bezweifl e, dass er mir einen Brief ohne die Worte ›du Scheißschlampe‹ schreiben könnte. Jedenfalls schafft er kein Gespräch ohne. Und außerdem würde er nie unsere Sandra oder Joanna bedrohen. Auf keinen Fall.« Ich fand, ihre Antwort klang wirklich ratlos, dann rief ich mir in Erinnerung, womit sie ihr Geld verdiente. »Waren es viele?« »Dies ist der dritte. Plus der an Sandra. Da ging es um die Sünden ihrer Mutter. Ehrlich gesagt habe ich die ersten beiden einfach weggeworfen. Ich dachte, jemand wollte mir einen Schreck einjagen.« Plötzlich schaute Gloria weg. Sie nestelte eine neue Zigarette aus der Packung, und diesmal zitterte die Hand, mit der sie sie anzündete. »Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?« »Meine Autoreifen wurden aufgeschlitzt. Alle vier. Auf dem NPTV-Studiogelände. Und es steckte eine Nachricht unter dem Scheibenwischer. ›Nächstes Mal deine Garderobe? Oder du?‹ Und ehe Sie fragen, ich habe den Zettel nicht mehr. Es regnete. Er zerfiel in meinen Händen.« »Das ist eine ernste Sache«, stellte ich fest. »Sollten Sie nicht vielleicht mit der Polizei sprechen?« Ich hasste es, eine potenzielle Klientin zu verlieren, aber es hätte an kriminelle Fahrlässigkeit gegrenzt, nicht darauf hinzuweisen, dass dies ein Fall für die Cops sein könnte. Gloria spielte mit ihrer Zigarette. »Ich habe dem Management davon erzählt. Und John Turpin, der die Verwaltung und die Produktion koordiniert, überzeugte mich davon, nicht zu den Bullen zu gehen.« »Warum? Ich hätte gedacht, die Direktion würde alles daransetzen, dass den Stars nichts zustößt.« Glorias Lippen kräuselten sich zu einem zynischen Grinsen. »Das hat nix mit meiner Sicherheit zu tun, sondern mit ne gativer Publicity. Und wer möchte noch bei NPTV arbeiten, wenn bekannt wird, dass die Sicherheit so unter aller Sau ist, dass jeder ungeschoren aufs Firmengelände spazieren kann? Turpin versprach mir eine interne Untersuchung, also beschloss ich, seinen Rat zu befolgen.« »Aber jetzt sind Sie hier.« Es ist diese Beobachtungsgabe, die mich dahin gebracht hat, wo ich heute stehe. Sie warf mir einen prüfenden Blick zu, der mehr als einen Hauch sorgfältig kontrollierter Angst enthielt. »Sie werden mich für töricht halten.« Ich schüttelte den Kopf. »Sie wirken nicht töricht auf mich, Gloria.« Nun, es war nur eine Notlüge. Töricht genug, um das Wochengehalt der gesamten Belegschaft von Brannigan & Co. für ein aufeinander abgestimmtes Outfit auszugeben, aber wahrscheinlich nicht töricht, wenn es um die realistische Einschätzung ging, ob sie in Gefahr war. Aber immerhin, auch Ronald Reagan war es nicht, und wie ist es ihm ergangen … »Kennen Sie Dorothea Dawson?«, fragte Gloria und sah mich aus dem Augenwinkel an. »Die Sterndeuterin?«, erwiderte ich ungläubig. »Die, die in der Fernsehzeitschrift TV im Blick die Horoskope schreibt? Die, die dauernd im Fernsehen ist? ›Ein Pferd mit Sternzeichen Widder wird das Derby gewinnen‹?«, äffte ich Dorothea Dawsons Grabesstimme nach. »Spotten Sie nicht«, warnte sie mit drohendem Finger. »Sie ist eine brillante Hellseherin, wissen Sie. Dorothea kommt einmal die Woche ins Studio. Sie ist die persönliche Astrologin der halben Besetzung. Sie hat wirklich eine Gabe.« Dessen war ich sicher. Gaben von allen Nordlichter- Stars. »Und Dorothea sagte etwas über diese Briefe?« »Ich habe diesen Brief zu meinem letzten Termin bei ihr mitgenommen. Ich fragte sie, welche Schwingungen sie empfangen würde. Das macht sie nämlich auch neben normalem Hellsehen. Sie hat das schon öfter für mich gemacht, und sie hat sich bis jetzt nie geirrt.« Trotz ihrer schauspielerischen Fähigkeiten klang Glorias Stimme besorgt. »Und was meinte sie?« Gloria zog so stark an ihrer Zigarette, dass ich den verbrennenden Tabak knistern hörte. Als sie den Rauch ausstieß, antwortete sie: »Sie hielt den Umschlag und zitterte. Sie sagte, dieser Brief bedeute Tod. Dorothea sagte, der Tod sei bei uns im Zimmer.«



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