• Home
  • Autor
  • Buecher
  • Extras
Cover
VERLAG
Knaur TB
ORIGINALTITEL
Clean Break
SEITENZAHL
256
AUSSTATTUNG
Taschenbuch
PREIS
EUR (D) 8,99
ISBN
ISBN-13
978-3-426-50522-9
ERSCHEINUNGSTERMIN
10.09.2010

Dieses Buch ist noch nicht erschienen.

 

Leseprobe




Clean Break

Ich verstehe nicht viel von Kunst, aber zumindest weiß ich, was mir nicht gefällt. Gemälde, die auf Wanderschaft gehen, nachdem ich die Sicherheitsanlage installiert habe, mag ich nicht. Vor allem dann nicht, wenn ich gerade meinen Partner für zwei Monate zu den Antipoden geschickt habe, mit der seelenruhigen Versicherung, dass ich während seiner Abwesenheit schon klarkomme. Besagtes Gemälde war ein kleiner Monet. Wenn ich klein sage, meine ich die Maße, nicht den Wert. Es würde kaum das Loch bedecken, das mein Liebster Richard im Zustand volltrunkener Ekstase in die Wand seines Wohnzimmers geschlagen hat, als Eric Cantona den Doppelsieg von Manchester United besiegelte. Dafür war es gut zehnmal so viel wert wie unsere beiden aneinandergebauten Bungalows zusammengelegt. Was übrigens nie geschehen wird. Das Bild stellte einen blühenden Apfelbaum dar, viel mehr nicht. Man merkte gleich, dass es ein Apfelbaum war, weil es – so Shelley, unsere Büromanagerin – in einem recht frühen Stadium von Monets Laufbahn entstanden war, bevor sein Sehvermögen allmählich dahinschwand und die ganze Welt für ihn wie ein impressionistisches Gemälde auszusehen begann. Man stelle sich vor – eine ganze Kunstrichtung aus den schlechten Augen eines einzigen Typs hervorgegangen. Erstaunlich, was man an der Fernuniversität so alles lernt. Shelley studiert seit letztem Jahr, und was sie über Kunstgeschichte nicht weiß, werde ich mit Sicherheit niemals ergründen. Im Kurs Wie werde ich Privatschnüffler für Autodidakten lernt man so was nicht. Besagter Monet mit dem sehr einfallsreichen Namen Blühender Apfelbaum gehörte Henry Naismith, dem Herrn über das Schloss Birchfi eld with Polver. Henry für seine Freunde und – John Majors klassenloser Gesellschaft sei Dank – auch für kleine Geschäftsleute wie mich. Henry kannte eben keine Allüren, was mitnichten hieß, dass er seine Gedanken und Gefühle nicht hinter charmantem Geplauder zu verbergen wusste. Daher merkte ich schnell, dass etwas im Busch war, als ich eines schönen Morgens im September den Hörer abnahm und seine gepfl egte Stimme hörte. »Kate? Henry Naismith«, begann er. Ich lehnte mich zurück und stellte mich auf das gewohnt muntere Einleitungsgeplänkel über seine neuesten Heldentaten ein. Fehlanzeige. »Könnten Sie herkommen?«, fragte er. Ich schnellte hoch. Das klang verdächtig nach dem Auftakt zu einem Montag, an dem ich mir noch wünschen würde, im Bett geblieben zu sein. »An welche Zeit hatten Sie gedacht, Henry?« »So schnell wie möglich. Wir … hatten in der Nacht Einbrecher hier, und jemand von der Polizei kommt vorbei, um noch ein paar Einzelheiten zu klären. Er wird sicherlich Fragen zum Sicherheitssystem stellen, die ich allein nicht beantworten kann, deshalb wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie gleich losfahren könnten.« Er stieß den ganzen Wortschwall hervor, fast ohne Luft zu holen und mir die Gelegenheit zu Zwischenfragen zu geben. Ich brauchte nicht erst im Terminkalender nachzusehen, um zu wissen, dass ich kein dringendes Alternativpro gramm hatte. Nur Routinenachforschungen zum Verbleib eines Firmenpräsidenten, dessen Verwaltungsräte ihm unbedingt ein paar Fragen zum Zustand der Bilanzen stellen wollten. »Kein Problem«, sagte ich. »Was vermissen Sie?« Ich hoffte inständig, dass es der Fernseher und der Videorecorder waren. Schön wär’s. Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. Ich glaubte zu hören, wie Henry tief Luft holte. »Den Monet«, antwortete er dann kurz und bündig. In meinem Magen fi ng es an zu brodeln. Birchfi eld Place war die erste Sicherheitsanlage, die ich allein erdacht und deren Installierung ich überwacht hatte. Eigentlich ist mein Partner Bill Mortensen der Sicherheitsexperte, und er hatte meine Arbeit auch begutachtet, dennoch fi el es auf mich zurück. »Ich komme sofort«, versprach ich. Wie ferngesteuert fuhr ich durch die Vororte zur Autobahn. Selbst die unvermeidlichen, allgegenwärtigen Straßenarbeiten registrierte ich nur am Rande. In Gedanken rekapitulierte ich den bisherigen Verlauf der geschäftlichen Beziehungen zwischen Mortensen & Brannigan und Henry Naismith. Als ich damals im Bürokalender auf seinen ersten Termin gestoßen war, hatte ich vermutet, Shelley hätte sich einen Scherz mit mir erlaubt, zumal ich erst am Tag zuvor eine meiner regelmäßig wiederkehrenden antimonarchistischen Schimpftiraden vom Stapel gelassen hatte; ausgelöst von der Behauptung des Thronerben, die Nation müsse zwei Traditionen wiederbeleben: ihren Shakespeare lesen und ihre Kinder verprügeln. Dann, als ich begriff, dass der Termin echt war, stellte ich mir einen Knaben mit fl iehendem Kinn und der Sorte angeborenen Schwachsinns vor, den man nur beim Hochadel und der Einwohnerschaft abgelegener Bergdörfer antrifft. Ich lag völlig daneben. Henry Naismith war Ende zwanzig, gebaut wie ein australischer Rettungsschwimmer mit den dazugehörigen blonden Haaren und kräftigem Kinn, das einem Boxer als lohnende Zielscheibe dienen könnte. Dem Who’s Who zufolge hatte er zwei Hobbys, Segeln und Meeresregatten, was ich mir auch selbst hätte denken können, schon als ich ihm das erste Mal begegnete. Er hatte den Blick eines Seglers, schaute stets an dir vorbei zu einem fernen, nur für ihn sichtbaren Horizont. Abgesehen von den weißen Fältchen rings um seine tiefblauen Augen, war sein Gesicht von Wind und Sonne zu einem frischen Braun poliert. Seine Bildung hatte er im Marlborough und im New College, Oxford, erhalten. Obgleich ich in Oxford aufgewachsen war, glaubte ich nicht, dass seine Stadt der träumenden Türme und meine der Autofabriken sich so weit deckten, dass wir uns in gemeinsamen Erinnerungen ergehen konnten. Hinzu kam die gleiche vornehme Aussprache wie bei Prinz Charles, aber dennoch, trotz allem, mochte ich ihn. Ich mag jeden, der den Hintern hochkriegt und zupacken kann. Und Henry konnte zupacken, daran gab’s keinen Zweifel. Jeder, der dir sagt, eine Meeresregatta sei der reine Spaß, kann einen Anker nicht von Schanker unterscheiden. Unsere Zeitungsdatenbank hatte die groben Umrisse des Bildes ausgefüllt: Henry hatte vor zwei Jahren seinen Titel, ein schwarzweißes Tudorschloss in Cheshire, eine Handvoll wertvoller Gemälde sowie eine eher bescheidene Barschaft geerbt, als seine Eltern in einem schicken alpinen Ferienort einer Lawine zum Opfer fi elen. Henry machte damals gerade einen Segeltörn in der Karibik. Das Leben ist ein Miststück, und dann heiratest du auch noch eins. Das hatte Henry allerdings nicht. Geheiratet, meine ich. Er stand in den Klatschspalten immer noch auf der Liste der begehrtesten Junggesellen. Vielleicht reichte es nicht ganz für die Top Twenty, wegen der fehlenden Knete; aber dank seines guten Aussehens und seiner geschickten Handhabung der Segelstange lag er nach wie vor im Rennen. Henry hatte sich wegen erwähnter dramatischer Ebbe in seiner Kasse an uns gewandt. Da sein Vater nicht vorausgesehen hatte, dass er mit siebenundvierzig sterben würde, hatte er keine Vorkehrungen getroffen, wie beim Landadel sonst üblich, um zu verhindern, dass das Schatzamt das Scherfl ein der Witwen und Waisen dezimiert. Nachdem er alles addiert und subtrahiert hatte, stellte Henry fest, dass er nur dann Haus und Kunstsammlung behalten und trotzdem die Hälfte des Jahres am Ruder seiner Hochseejacht stehen konnte, wenn er in den sauren Apfel biss und Birchfi eld Place Tagesausfl üglern zugänglich machte. Im Zirkus der Tagestouren zu alten Schlössern ist die britische Öffentlichkeit für ihre langen Finger berühmt-berüchtigt. Wenn man die Busladungen kleiner alter Damen sieht, die an Feiertagen herangekarrt werden, sollte man es nicht meinen, aber sie nehmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist, und sogar auch einiges, was niet- und nagelfest ist. Das macht die Versicherungen bei Vertragsabschlüssen noch nervöser als sonst, und als Ergebnis wirft das Geschäft rund um die Sicherheit einen hübschen kleinen Batzen Geld für Privatagenturen wie die unsere ab. In letzter Zeit machten Sicherheitsanlagen ein Viertel unseres jährlichen Umsatzes aus, und daher hatten Bill und ich beschlossen, dass ich mich auch in diesen Teil des Geschäfts einarbeiten sollte. Es ist unmöglich, irgendein Gebäude zu einer völlig uneinnehmbaren Festung zu machen, es sei denn, man mauert Türen und Fenster zu, und dann kommt man in Schwierigkeiten, wenn man anständiges Licht für seine Petitpoint- Stickerei braucht. Man kann bestenfalls signalisieren, dass man alles nur Menschenmögliche getan hat, um sein Haus einbruchssicher zu machen, und hoffen, dass der eventuelle Einbrecher entmutigt weiterzieht, um sich das nächste Schloss die Straße weiter runter vorzuknöpfen. Um zu garantieren, dass ich alles richtig machte, hatte ich nicht nur Bills Know-how angezapft, ich hatte auch meinen alten Freund Dennis konsultiert, selbst Einbrecher im Halbruhestand. »Weißt du, was das einzig sichere Abschreckungsmittel ist, Brannigan?«, hatte Dennis gefragt. »Wärmesensorische thermonukleare Raketen?«, riet ich. »Ein Hund. Du holst dir einen großen Schäferhund, lässt ihn frei rumlaufen, und schon will dein professioneller Dieb nichts mehr von dir wissen. Als ich noch in der Branche war, gab es keine Alarmanlage der Welt, an der ich mich nicht versucht hätte. Aber Hunde? Vergiss es.« Leider sind die Klienten nicht besonders scharf darauf, Rottweiler auf ihren unschätzbaren Orientteppichen pa - trouillieren zu lassen. Sie machen sich zu große Sorgen, hinterher Hundehaare – oder noch Schlimmeres – auf dem Hepplewhite zu fi nden. Daher hatte sich Birchfi eld Place, wie die meisten Schlösser, auf eine allermodernste Mischung aus verdrahteten Detektoren an Türen und Fenstern, Passiv- Infrarotmeldern an allen zentralen Punkten und Drucksensoren vor allen wichtigen Gegenständen verlassen. Bei der Masse von Sicherheitsfallen, die ich aufgestellt hatte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie jemand unentdeckt durch meine Anlage hatte schlüpfen können, ohne so viele Alarmglocken auszulösen, dass Quasimodo vollends den Verstand verloren hätte. Ich fuhr von der Autobahn ab und drang in das Herz des Cheshire-Grüngürtels der Börsenmakler, Serienstars und Fußballspieler vor. Wie gewöhnlich fuhr ich fast an der Lücke in der großen Hecke vorbei, die die Zufahrt zu Birchfi eld Place markierte. Der Besuchereingang befand sich auf der Rückseite, aber ich hatte nicht die Absicht, auf einem Feld in einem Kilometer Entfernung zum Haus zu parken. Gerade noch rechtzeitig riss ich das Lenkrad herum und bog auf eine schmale Straße ein, die sich zwischen Feldern mit beschaulich weidenden Schafen hindurchschlängelte. Die Schafe schenkten mir keinen Blick, sie fraßen seelenruhig weiter, als ich an ihnen vorbeifuhr. Auf dem Land bin ich stets ein wenig nervös; ich weiß nicht, wie alles heißt, und entwickle im Nu Phobien, weil ich keine Ahnung habe, wo ich meine nächste Mahlzeit herbekommen soll. Da ist mir jede urbane Landschaft, die kein vernünftiges Schaf auf die Idee kommen lässt, sich dort heil und sicher verköstigen zu können, allemal lieber. Das Feld wich einem dichten Wäldchen aus verschiedenen Baumarten. Die Bäume sahen aus, als weilten sie schon länger auf diesem Planeten als meine Granny Brannigan. Dann, urplötzlich, beschrieb die Zufahrt eine scharfe Rechtskurve, ich schoss unter den Bäumen hervor, und die Front von Birchfi eld Place lag unmittelbar vor mir. Von einem Naismith in ferner Vergangenheit erbaut, der seinem Monarchen irgendeinen unbekannten Dienst erwie sen hatte, sah das Haus aus, als gehöre es auf eine Postkarte oder ein Puzzle. Die Zeit hatte seine schwarzen Balken und weißen Felder stark verwittern lassen, und keine Bausparkasse, die auf sich hielt, hätte eine Hypothek auf das Gebäude gewährt. Mir kam es immer irgendwie unwirklich vor. Ich hielt neben einem anonymen Ford mit einem Funkgerät; vermutlich gehörte er der Polizei. In der Ferne schrie ein Pfau, was meiner Fassung abträglicher war als jedes nächtliche Sirenengeheul. Ich wusste nur deshalb, dass es ein Pfau war, weil Henry es mir beim ersten Mal, als der Vogel mir Todesangst einjagte, gesagt hatte. Noch ehe ich die Hand nach dem antiken Klingelzug ausstrecken konnte, sprang die Tür auf, und Henry lächelte mich entschuldigend an. »Das fi nde ich wirklich sehr nett von Ihnen, Kate«, sagte er. »Gehört alles zum Service«, beteuerte ich. »Die Polizei ist schon da?« »Ein Inspector Mellor vom Kunstraubdezernat«, antwortete Henry, während er über den Innenhof zum Großen Saal voranging, in dem – ein Stilbruch – die Impressionisten hingen. »Er hat nicht viel gesagt.« Wir durchquerten die Vorhalle. Ihre massive Eichentür sah aus, als hätte sie einige Schläge mit einem schweren Vorschlaghammer abbekommen. An der Tür zum Großen Saal hielt ich Henry zurück. »Was ist denn genau passiert?« Henry rieb sich das Kinn. »Der Alarm hat mich geweckt. Kurz vor drei, nach meiner Uhr. Ich habe gleich die Hauptschalttafel überprüft. Sie signalisierte Vorhalle, Tür zum Großen Saal, Großer Saal und Drucksensoren. Ich rief schnell die Polizei an, um Bescheid zu geben, dass es kein Fehlalarm war, und lief nach unten. Als ich in den Saal kam, war niemand mehr zu sehen, und der Monet war verschwunden. Sie müssen in knapp fünf Minuten drin und wieder draußen gewesen sein.« Er seufzte. »Anscheinend wussten sie genau, was sie wollten.« »Der Piepser der Beleuchtungsanlage im Hof hat Sie also nicht geweckt?«, fragte ich verblüfft. Henry machte ein verlegenes Gesicht. »Ich hatte den Piepser ausgeschaltet. Wir hatten Füchse hier, und ich war es leid, Nacht für Nacht aus dem Schlaf zu schrecken.« Ich sagte nichts. Ich hoffte, dass meine Miene für sich sprach. »Ich weiß, ich weiß«, seufzte Henry. »Inspector Mellor ist wohl auch nicht sonderlich begeistert. Sollen wir?« Ich folgte ihm in den Saal, einen für seine Epoche überraschend hellen Raum. Zwei Stockwerke hoch, mit weißgetünchter, gewölbter Decke und einer Galerie wie geschaffen für Minnesänger Blondel unplugged. Die Wand zum Innenhof war einen halben Meter hoch über dem Fußboden holzgetäfelt, dann kamen Hunderte winziger Bleiglasfenster bis zu einer Höhe von etwa zwei Meter fünfzig. Die Täfelung der Außenwand war etwa einen Meter zwanzig hoch, bevor weitere Fenster folgten. Den Fensterputzer konnte man nur bedauern. Am anderen Ende des Raums befand sich ein erhöhtes Podest, von dem aus Henrys einstige Vorfahren das Zepter über den Plebs geschwungen und über die Ungeheuerlichkeit der Fenstersteuer gewettert hatten. Rings um dieses Podest hingen die Gemälde. Ein hochgewachsener, dünner Mann stand mit gerecktem Hals wie ein Kranich vor der Stelle, an der der Monet ge - hangen hatte. Als wir eintraten, wandte er sich uns zu und fixierte mich mit trübem Blick. Henry stellte uns vor, während Inspector Mellor und ich einander musterten. Mit seiner hohen Stirn über der Raubvogelnase und seinem kleinen herzförmigen Mund hatte er mehr von einem Patrizier als Henry. Auf seine Bitte hin beschrieb ich ihm das Sicherheitssystem. Er hörte zu, nickte unverbindlich, dann meinte er: »Viel mehr hätten Sie nicht tun können, außer Videoüberwachung.« »Die Arbeit von Profi s, oder?«, fragte ich. »Zweifellos. Sie haben ihr Ziel ausgewählt, das Haus gründlich inspiziert, dann sind sie blitzschnell rein und wieder raus. Keine kriminaltechnisch verwertbaren Spuren, sagen meine Kollegen, die nach dem Vorfall hier waren.« Mellor sah deprimiert aus, und mir ging’s ähnlich. »Kennen Sie die Handschrift der Täter?«, wollte ich wissen. Mellor zuckte mit den Achseln. »Ich habe schon ähnliche Arbeit gesehen, aber es ist uns noch in keinem der Fälle gelungen, eine Verhaftung zu erreichen.« Henry schloss die Augen und seufzte. »Besteht irgendeine Aussicht, dass ich meinen Monet zurückbekomme?«, fragte er müde. »Wenn ich ehrlich sein soll, Sir, keine sehr große. Diebe dieses Schlages nehmen nur mit, wofür sie bereits einen Käufer haben«, erläuterte Mellor.» Früher oder später werden wir Glück haben und sie erwischen. Vielleicht ja sogar dieses Mal. Ich würde übrigens gern noch zwei von meinen Leuten vorbeischicken, wenn Ihr Personal kommt. Die Diebe werden sich mehr als einmal im Haus umgesehen haben. Durchaus möglich, dass einer Ihrer Aufseher einen Wiederholungsbesucher bemerkt hat.« »Das Personal kommt um halb zehn am Donnerstag«, er - klärte Henry. »Montags, dienstags und mittwochs ist das Haus für Besucher geschlossen, ausgenommen an Feiertagen. « Mellor wandte sich ab und studierte eine Zeitlang den Boudin, den Renoir und die beiden Pissarros, die noch vor kurzem den Monet umrahmt hatten. »Ich persönlich«, sagte er leise, »hätte den Boudin ausgewählt.« Ich nicht. Der Monet hätte viel besser zu meinem Farbspektrum gepasst. Aber vielleicht war Inspector Mellors Wohnzimmer ja eher in Blautönen gehalten als in Grün, Creme und Pfi rsich. Während Henry ihn hinausbegleitete, strich ich durch den Saal und überlegte, was ich als Nächstes unternehmen sollte. Mellors Plan, das Personal vernehmen zu lassen, hatte mich der einzigen Idee beraubt, die mir bezüglich weiterer Ermittlungen gekommen war. Ich sank auf den Stuhl des Aufsehers an der Tür und starrte quer durch den Saal auf die Drähte in der alten Täfelung, die bis gestern den Monet mit der Alarmanlage und der Wand verbunden hatten. Meine Inspiration streikte; aber wenn das in diesem Land sonst schon keiner mehr tut … Als Henry zurückkam, richtete ich mich auf und bemerkte munter: »Tja, Henry, Mellor klang nicht sehr optimistisch, dass die Hüter von Recht and Ordnung viel ausrichten können. Sieht so aus, als bliebe es mir überlassen, Ihnen den Monet wiederzubeschaffen.« Henry zupfte mit sichtlichem Unbehagen an seinem Ohrläppchen. »Hat das denn Sinn, Kate?«, fragte er. »Ich meine, wenn die Spezialisten schon nicht wissen, wo sie ansetzen sollen, wie können Sie da auf Erfolg hoffen?« »Manche Leute neigen dazu, mir Dinge zu erzählen, die sie der Polizei nicht unbedingt anvertrauen würden. Einschließlich Versicherungen. Außerdem verfüge ich über un - orthodoxe Methoden der Informationsbeschaffung. Ich bin überzeugt, dass ich Hinweise fi nden kann, auf die die Polizei nie im Leben stoßen würde.« Das war die reine Wahrheit. Nun ja, bis auf den letzten Satz. Er blieb skeptisch. »Ich weiß nicht, Kate. Das waren knallharte Profi s. So, wie die Tür zur Vorhalle aussieht, haben sie nicht die geringsten Skrupel, Gewalt anzuwenden. Ich weiß nicht recht, ob ich glücklich darüber sein soll, dass Sie sich auf ihre Fährte setzen.« »Henry, ich mag ja nur eins siebenundfünfzig groß sein, aber ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen«, erwiderte ich und versuchte nicht an das letzte Mal zu denken, als ich den Männern in meinem Leben diesen blöden Spruch aufgetischt hatte. Die Narbe an meinem Kopf reagierte inzwischen nur noch mit einem leisen Ziehen, wenn ich mir die Haare bürstete, die inneren Narben allerdings gingen tiefer. Ich war nicht direkt ängstlich geworden; ich hatte mir nur eine kräftige Portion Vorsicht zugelegt. »Außerdem«, fuhr ich fort, als ich seinen offen ungläubigen Blick sah, »haben Sie laut Vertrag noch Anspruch auf dreißig unentgeltliche Stunden meiner Dienste.« »Aha. Ja. Natürlich.« Er war wieder reserviert, sein Blick ging in mittlere Distanz. »Und abgesehen davon wird meine Schnüffelei Ihre Versicherung davon überzeugen, dass nicht Sie das schwarze Schaf sind.« Seine Augen wurden schmal, wie bei einem Mann, der sieht, dass eine riesengroße Flutwelle direkt auf seinen Bug zurollt. »Wieso sollte die Versicherung so etwas denken?«, fragte er scharf. »Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand wegen des Schadenersatzes seinen eigenen Einbruch inszeniert hat«, erklärte ich. »Wo ich wohne, passiert das andauernd.« Ein Schatten huschte über Henrys Gesicht. »Sie haben mir nichts zu sagen, Henry, oder?«, erkundigte ich mich vorsichtig. »Es gibt nicht den geringsten Grund, warum ich das arrangiert haben sollte«, entgegnete er steif. »Die Polizei und die Versicherung können jederzeit die Bücher überprüfen. Wir machen Gewinn. Die Einnahmen an Eintrittsgeldern haben bereits den Umsatz des letzten Jahres erreicht, der Umsatz des Geschenkshops hat sich um fünfundzwanzig Prozent gesteigert, und der Große Saal ist fast jeden Samstag von heute bis Februar für Feste ausgebucht. Mir macht nur Kopfzerbrechen, dass ich in drei Wochen nach Australien abreisen soll und bis dahin die Sache gern vom Tisch hätte.« »In diesem Fall lege ich mal lieber gleich los«, erwiderte ich sanft. Auf der Heimfahrt nach Manchester ging mir vieles durch den Kopf. Ich mag keine Geheimnisse. Das ist einer der Gründe, warum ich Privatdetektivin geworden bin. Ich mag sie vor allem dann nicht, wenn es Geheimnisse sind, die meine Klienten vor mir haben. 



REMINDER Wir informieren Sie, sobald
ein neuer Roman erscheint. » Anmelden

FORUM Diskutieren Sie online
mit anderen Lesern » zum Forum

VERANSTALTUNGEN Val McDermid
ganz in Ihrer Nähe zu den Veranstaltungen


Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

This site conforms to the following standards: