Leseprobe
Wen es trifft …
Die Frau ging gemächlich durch den
Supermarkt und suchte sich hier und da etwas für ihren Wagen aus. Als
sie zu dem Regal mit Saucen, eingelegten Gurken und Gemüse kam,
spannten sich die Muskeln an ihrem Kinn. Sie sah sich um und bemühte
sich, ganz lässig auszusehen. Schnell nahm sie ein Glas mit eingelegten
Tomaten aus ihrer großen Ledertasche und stellte es auf das Regal. Dann
ging sie weiter zur Tiefkühltruhe mit dem Fleisch.
Ein paar
Minuten später kam sie wieder an demselben Regal vorbei und blieb
stehen. Sie wiederholte die Aktion, stellte aber diesmal zwei Gläser
auf das Regal. Als sie zur Kasse ging, spürte sie, wie die Anspannung
nachließ, und fühlte sich erleichtert und beschwingt. Sie stand in der
Schlange, eine Unbekannte zwischen den anderen Kunden, die heute früh
einkauften, eine gepflegte Frau wie viele andere in einem gut
geschnittenen Wintermantel, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen
und einem merkwürdig abwesenden Blick in den hellblauen Augen.
Sarah Graham lag auf dem Sofa und las die Stellenangebote in den
Burnalder Evening News, als sie den Wagen vorfahren hörte. Sie seufzte,
ließ die Zeitung sinken und ging in die Küche. Bis sie den Korken aus
der Flasche Holunderblütenwein gezogen und zwei Gläser eingeschenkt
hatte, war die Haustür bereits auf- und wieder zugegangen. Sarah stand
auf und wandte sich, beide Gläser haltend, der Küchentür zu.
Detective Sergeant Maggie Staniforth kam in die Küche, nahm das ihr
angebotene Glas und gab Sarah einen flüchtigen Kuss. Sie ging ins
Wohnzimmer, ließ sich in einen Sessel fallen und rief ihr über die
Schulter zu: »Und wie war dein Tag heute?«
Sarah folgte ihr
und zuckte mit den Schultern. »Wieder ein beschissener Tag im Paradies.
Frag mich lieber nicht nach der Liste meiner langweiligen
Unternehmungen.«
»Du langweilst mich nie. Und außerdem tut es
mir gut, daran erinnert zu werden, dass es im Leben noch etwas anderes
als Verbrechen gibt.«
»Ich bin um neun Uhr aufgestanden, bis
dahin hast du wahrscheinlich bereits ein halbes Dutzend Schurken
festgenommen. Dann hab ich die Stellenanzeigen im Guardian
durchgeblättert und bin zur Bücherei gegangen, um in die anderen
Zeitungen zu sehen. Nach dem Mittagessen habe ich das Schlafzimmer
geputzt, ein bisschen gebügelt und die Esszimmermöbel auf Hochglanz
gebracht. Dann schnell zum Kiosk und die Abendzeitung geholt. Jede
Minute ein prickelndes Vergnügen. Und du? Hast du das Verbrechen des
Jahrhunderts aufgeklärt?«
Etwas gequält sagte Maggie: »So was
Aufregendes nicht. ’n paar Einbrüche, Papierkram zu dem
Vergewaltigungsfall im Blues Club. Nächste Woche ist Gerichtstermin.«
»Wenigstens wirst du dafür bezahlt.«
»Es wird sich bestimmt bald was finden, Schatz.«
»Und in der Zwischenzeit lasse ich mich von dir aushalten.«
Maggie sagte nichts. Es gab dazu nichts zu sagen. Die beiden waren
zusammen, seit sie sich als Studentinnen vor elf Jahren heftig
ineinander verliebt hatten. Alles war in Ordnung gewesen, solange beide
mit dem Erklimmen ihrer Karriereleiter beschäftigt waren. Aber Sarahs
Karriere als Personalleiterin hatte ein jähes Ende gefunden, als die
Firma, für die sie tätig war, vor neun Monaten Pleite gemacht hatte.
Diese Krise hatte ihrer Beziehung eine Wunde beigebracht, die sich nun
schnell weiterfraß. Maggie hatte jetzt oft Angst, etwas zu sagen, weil
sie keine weitere bittere Auseinandersetzung heraufbeschwören wollte.
Schweigend trank sie ihren Wein.
»Also keine Neuigkeiten, die
mich amüsieren könnten?«, wollte Sarah wissen. »Keine netten kleinen
Tratsch-Geschichten aus der Unterwelt?«
»Eine könnte dich
vielleicht interessieren«, sagte Maggie vorsichtig. »Hast du in den
Nachrichten gestern abend die Meldung über eine Frau bemerkt, die wegen
Verdacht auf Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus kam?«
»Hab ich gesehen. Und alles in der Zeitung darüber gelesen. Hab damit eine Stunde totgeschlagen.«
»Tja, sie ist gestorben. Die Nachricht kam gerade rein, als ich
wegging. Und offenbar hat’s auch noch zwei Familien erwischt. Das
Merkwürdige daran ist, dass man anscheinend nicht von einer gemeinsamen
Ursache ausgehen kann. Jim Bryant von der Unfallstation hat’s mir
erzählt.«
Sarah verzog das Gesicht. »Bist du sicher, dass dir meine Spaghetti Carbonara heute abend bekommen werden?«
Maggies Lächeln wurde vom Läuten des Telefons unterbrochen. Sie ging
rasch hinüber und nahm beim dritten Klingeln ab. »DS Staniforth am
Apparat … Hi, Bill.« Sie hörte gespannt zu. »Oh Gott!«, rief sie aus.
»Ich bin in zehn Minuten dort. In Ordnung?« Sie stand da und hielt den
Hörer in der Hand. »Sarah, die Frau, über die wir gerade gesprochen
haben. Es war keine Lebensmittelvergiftung. Es war eine hohe Dosis
Arsen, und zwei der anderen Fälle mit der sogenannten
Lebensmittelvergiftung sind auch gestorben. Bei ihnen vermuten sie
ebenfalls Arsen. Ich muss los, um Bill in der Klinik zu treffen.«
»Dann machst du dich wohl besser auf die Socken. Soll ich dir was zu essen aufheben?«
»Hat keinen Zweck. Und warte nicht auf mich, es wird bestimmt spät.«
Maggie ging zu Sarah hinüber und umarmte sie kurz. Dann eilte sie aus
dem Zimmer, und schon Sekunden später fiel die Haustür ins Schloss.
Die Neonleuchten ließen die Küche hell, aber kalt wirken. Die Frau
machte einen der Einbauschränke auf und holte ein Glas mit einem
grauweißen Pulver ganz hinten aus dem Fach.
Sie nahm ein
Filetiermesser mit sehr scharfer Klinge und schob sie vorsichtig unter
die Lasche eines Puddingpulverpäckchens aus Pappe. Mit fünf weiteren
Päckchen verfuhr sie genauso. Anschließend öffnete sie vorsichtig die
Papiertütchen in jedem Päckchen und vermischte den Inhalt mit einem
Esslöffel des Pulvers aus dem Glas.
Die grauen Strähnen in
ihrem kastanienbraunen Haar glänzten im Licht. Sie faltete die
Papiertütchen peinlich genau wieder zusammen und klebte die äußeren
Pappschachteln mit einem Tropfen Klebstoff zu. Dann legte sie alle in
eine Einkaufstasche und trug sie auf die Veranda hinter dem Haus.
Das Glas stellte sie wieder in den Schrank und ging ins Wohnzimmer, wo
der Fernseher laut plärrte. Ihr Gesichtsausdruck war seltsam
triumphierend.
