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Cover
VERLAG
Knaur TB
SEITENZAHL
AUSSTATTUNG
Taschenbuch
PREIS
EUR (D) 7,95
ISBN
3-426-62092-8
ISBN-13
978-3-426-62092-2
ERSCHEINUNGSTERMIN
01.05.2002

Dieses Buch ist lieferbar.

 

Leseprobe




Wen es trifft …

Die Frau ging gemächlich durch den Supermarkt und suchte sich hier und da etwas für ihren Wagen aus. Als sie zu dem Regal mit Saucen, eingelegten Gurken und Gemüse kam, spannten sich die Muskeln an ihrem Kinn. Sie sah sich um und bemühte sich, ganz lässig auszusehen. Schnell nahm sie ein Glas mit eingelegten Tomaten aus ihrer großen Ledertasche und stellte es auf das Regal. Dann ging sie weiter zur Tiefkühltruhe mit dem Fleisch.

Ein paar Minuten später kam sie wieder an demselben Regal vorbei und blieb stehen. Sie wiederholte die Aktion, stellte aber diesmal zwei Gläser auf das Regal. Als sie zur Kasse ging, spürte sie, wie die Anspannung nachließ, und fühlte sich erleichtert und beschwingt. Sie stand in der Schlange, eine Unbekannte zwischen den anderen Kunden, die heute früh einkauften, eine gepflegte Frau wie viele andere in einem gut geschnittenen Wintermantel, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und einem merkwürdig abwesenden Blick in den hellblauen Augen.



Sarah Graham lag auf dem Sofa und las die Stellenangebote in den Burnalder Evening News, als sie den Wagen vorfahren hörte. Sie seufzte, ließ die Zeitung sinken und ging in die Küche. Bis sie den Korken aus der Flasche Holunderblütenwein gezogen und zwei Gläser eingeschenkt hatte, war die Haustür bereits auf- und wieder zugegangen. Sarah stand auf und wandte sich, beide Gläser haltend, der Küchentür zu.

Detective Sergeant Maggie Staniforth kam in die Küche, nahm das ihr angebotene Glas und gab Sarah einen flüchtigen Kuss. Sie ging ins Wohnzimmer, ließ sich in einen Sessel fallen und rief ihr über die Schulter zu: »Und wie war dein Tag heute?«

Sarah folgte ihr und zuckte mit den Schultern. »Wieder ein beschissener Tag im Paradies. Frag mich lieber nicht nach der Liste meiner langweiligen Unternehmungen.«

»Du langweilst mich nie. Und außerdem tut es mir gut, daran erinnert zu werden, dass es im Leben noch etwas anderes als Verbrechen gibt.«

»Ich bin um neun Uhr aufgestanden, bis dahin hast du wahrscheinlich bereits ein halbes Dutzend Schurken festgenommen. Dann hab ich die Stellenanzeigen im Guardian durchgeblättert und bin zur Bücherei gegangen, um in die anderen Zeitungen zu sehen. Nach dem Mittagessen habe ich das Schlafzimmer geputzt, ein bisschen gebügelt und die Esszimmermöbel auf Hochglanz gebracht. Dann schnell zum Kiosk und die Abendzeitung geholt. Jede Minute ein prickelndes Vergnügen. Und du? Hast du das Verbrechen des Jahrhunderts aufgeklärt?«

Etwas gequält sagte Maggie: »So was Aufregendes nicht. ’n paar Einbrüche, Papierkram zu dem Vergewaltigungsfall im Blues Club. Nächste Woche ist Gerichtstermin.«

»Wenigstens wirst du dafür bezahlt.«

»Es wird sich bestimmt bald was finden, Schatz.«

»Und in der Zwischenzeit lasse ich mich von dir aushalten.«

Maggie sagte nichts. Es gab dazu nichts zu sagen. Die beiden waren zusammen, seit sie sich als Studentinnen vor elf Jahren heftig ineinander verliebt hatten. Alles war in Ordnung gewesen, solange beide mit dem Erklimmen ihrer Karriereleiter beschäftigt waren. Aber Sarahs Karriere als Personalleiterin hatte ein jähes Ende gefunden, als die Firma, für die sie tätig war, vor neun Monaten Pleite gemacht hatte. Diese Krise hatte ihrer Beziehung eine Wunde beigebracht, die sich nun schnell weiterfraß. Maggie hatte jetzt oft Angst, etwas zu sagen, weil sie keine weitere bittere Auseinandersetzung heraufbeschwören wollte. Schweigend trank sie ihren Wein.

»Also keine Neuigkeiten, die mich amüsieren könnten?«, wollte Sarah wissen. »Keine netten kleinen Tratsch-Geschichten aus der Unterwelt?«

»Eine könnte dich vielleicht interessieren«, sagte Maggie vorsichtig. »Hast du in den Nachrichten gestern abend die Meldung über eine Frau bemerkt, die wegen Verdacht auf Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus kam?«

»Hab ich gesehen. Und alles in der Zeitung darüber gelesen. Hab damit eine Stunde totgeschlagen.«

»Tja, sie ist gestorben. Die Nachricht kam gerade rein, als ich wegging. Und offenbar hat’s auch noch zwei Familien erwischt. Das Merkwürdige daran ist, dass man anscheinend nicht von einer gemeinsamen Ursache ausgehen kann. Jim Bryant von der Unfallstation hat’s mir erzählt.«

Sarah verzog das Gesicht. »Bist du sicher, dass dir meine Spaghetti Carbonara heute abend bekommen werden?«

Maggies Lächeln wurde vom Läuten des Telefons unterbrochen. Sie ging rasch hinüber und nahm beim dritten Klingeln ab. »DS Staniforth am Apparat … Hi, Bill.« Sie hörte gespannt zu. »Oh Gott!«, rief sie aus.

»Ich bin in zehn Minuten dort. In Ordnung?« Sie stand da und hielt den Hörer in der Hand. »Sarah, die Frau, über die wir gerade gesprochen haben. Es war keine Lebensmittelvergiftung. Es war eine hohe Dosis Arsen, und zwei der anderen Fälle mit der sogenannten Lebensmittelvergiftung sind auch gestorben. Bei ihnen vermuten sie ebenfalls Arsen. Ich muss los, um Bill in der Klinik zu treffen.«

»Dann machst du dich wohl besser auf die Socken. Soll ich dir was zu essen aufheben?«

»Hat keinen Zweck. Und warte nicht auf mich, es wird bestimmt spät.« Maggie ging zu Sarah hinüber und umarmte sie kurz. Dann eilte sie aus dem Zimmer, und schon Sekunden später fiel die Haustür ins Schloss.



Die Neonleuchten ließen die Küche hell, aber kalt wirken. Die Frau machte einen der Einbauschränke auf und holte ein Glas mit einem grauweißen Pulver ganz hinten aus dem Fach.

Sie nahm ein Filetiermesser mit sehr scharfer Klinge und schob sie vorsichtig unter die Lasche eines Puddingpulverpäckchens aus Pappe. Mit fünf weiteren Päckchen verfuhr sie genauso. Anschließend öffnete sie vorsichtig die Papiertütchen in jedem Päckchen und vermischte den Inhalt mit einem Esslöffel des Pulvers aus dem Glas.

Die grauen Strähnen in ihrem kastanienbraunen Haar glänzten im Licht. Sie faltete die Papiertütchen peinlich genau wieder zusammen und klebte die äußeren Pappschachteln mit einem Tropfen Klebstoff zu. Dann legte sie alle in eine Einkaufstasche und trug sie auf die Veranda hinter dem Haus.

Das Glas stellte sie wieder in den Schrank und ging ins Wohnzimmer, wo der Fernseher laut plärrte. Ihr Gesichtsausdruck war seltsam triumphierend.



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